Corona
2020
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17. Juli, Staatsfeind und Menschenhaltung

„Das Virus bleibt Staatsfeind Nummer eins.“ WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus, dwn.

„Der Große Neustart“
„Der Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, sagt, dass die Folgen der Corona-Pandemie vergleichbar mit denen eines Weltkriegs seien. Die Welt steht an der Schwelle zur Schaffung einer neuen Wirtschaftsordnung.“ dwn

In Leipzig tobt der Christopher-Street-Day, so wie man ihn sich vorstellt. Australien macht Menschenjagt.
„Jetzt jagt Australien Lockdown-Verweigerer“, „Lokal erfasste Fälle wurden vor einem Monat nahezu ausgerottet“, „Die meisten frühen Fälle in Australien stammten von Reisenden, die bei ihrer Ankunft aus dem Ausland abgefangen wurden.“ - Jetzt gab es neue Infektionen und droht ein neuer „Lock-down“: „Schuld daran waren schlecht ausgebildete private Sicherheitsbeamte, die die Reisenden in ihren Zimmern halten sollten.“
Nun ja, bei der Hundehaltung, … man kann sich vorstellen, wenn jetzt Menschen, … und schlecht ausgebildete Menschenhalter, … „Lokale Zeitungen berichten, dass einige von ihnen Sex mit den Menschen hatten, die sie eigentlich in strikter Isolation halten sollten.“, „Mit Drohnen wird nach Gesetzesbrecher gefahndet“, Man beachte, wie agil die Corona-kranken sind: „Soldaten und die Polizei wurden hinzugezogen, um die Schließung durchzusetzen. Sie werden mit Drohnen nach Übeltätern jagen, die versuchen, sich über Buschpfade oder entlang von Flüssen über die Grenze zu schleichen.“
Nachher verwildern sie dort noch und streunen, alles wegen falscher Haltung! www.focus.de, 17. Juli

19. Juli, Symptome, die man nicht bemerkt

Das Schlimme ist, dass man bei leichten Symptomen schwere Symptome haben kann: „Schwere Hirnschäden selbst bei leichten Corona-Symptomen möglich“,
„Britische Neurologen haben jetzt schockierende Einzelheiten in der Zeitschrift ‚Brain‘ veröffentlicht, wonach SARS-CoV-2 selbst bei Patienten mit leichten Symptomen oder bei bereits Genesenen schwerwiegende Hirnschäden verursachen kann. Und oftmals werden diese Schädigungen nur sehr spät oder gar nicht erkannt.“ www.focus.de, 13. Juli

Spätfolgen, jetzt schon? - „Suwarow marschierte mit seiner Armee so schnell, daß weder die Infanterie, noch Kavallerie, noch Artillerie ihm folgen konnten.“ (Galletti)
Schwere Hirnschäden, die man ‚gar nicht erkennt‘? - „Der Lavaboden am Vesuv sieht gar nicht so aus, wie er aussieht.“ (Galletti)

„‚Die Art und Weise, wie COVID-19 das Gehirn attackiert, haben wir bei anderen Viren noch nie zuvor gesehen‘, so Dr. Michael Zandi“, focus, ebd. Damit wir uns alle davon überzeugen können: Bilder von Hirnen verschiedener Schattierung. Sieht übel aus, sagt der Laie. Ist überhaupt ein gesundes dabei? Und man hat das lange leugnen wollen: „‚Das ist Schwachsinn‘, empört sich Neurobiologe Ernst Pöppel, ‚Herr Lauterbach hat von Hirnforschung offenkundig keine Ahnung.‘ Es gebe keinerlei wissenschaftliche Daten zu bleibenden Hirnschäden. Auch, wenn eine längere künstliche Beatmung gesundheitliche Folgen haben könnte, ließe sich zum jetzigen Zeitpunkt keine Aussage über die konkreten Folgen einer Covid-19-Erkrankung treffen.“ - Bei leichten Symptomen Beatmung? - „‚Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Hirnleistung verschlechtert ebenso hoch, wie dass sie gleichbleibt oder sich verbessert – wir haben einfach noch keine Daten‘“, www.focus.de, 3. April.
- noch nicht. Damals. Aber für gewöhnlich weiß die Forschung in gruseligen Angelegenheiten eine beliebige Idee auf kurz oder lang mit Beweisen zu bestätigen. Warum erst auf die Forschung warten? Vorausschauend muss man sein.

„In der Sahara liegt der Sand so locker, daß heute da Berge sind, wo morgen Thäler waren.“
„Die Hottentotten haben ein so gutes Gesicht, daß sie ein Pferd 3 Stunden weit trappeln hören.“ (Galletti)

1. August, Bad Hersfeld, Infektionsketten

Im Hotelflur, auch wenn wir niemandem begegnen, Maskenpflicht - um den Flur nicht durchs Atmen zu verseuchen. Tisch im Freien, Maske ab. Etwas im Zimmer vergessen, Maske wieder auf. Raus, Maske wieder ab, Frühstück, zurück ins Bad, Maske wieder auf. Direkt nach dem Frühstück! Was sich da an Kaffee-Flora und Müsli-Fauna ... Eine frisch gewaschene Maske, die noch einen ganzen Tag vor sich hat, in drei Sekunden versaut.
Später in einer Kirche vor barockem Sarkophag riecht man verwestes - Frühstück. Man muss dafür immer eine zweite Maske haben, eine fürs Verlassen des Frühstücks und eine für den restlichen Tag. Wobei man auch tags immer mal essen muss. Vielleicht gewöhnt man sich auch, wie in der Straßenbahn immer gesagt wird: „Bitte tragen Sie Ihre Alltagsmaske“.

Stadtmuseum an der Kloster-Ruine, wo wir auf jeder Etage fast die einzigen Gäste sind. Trotzdem Maskenpflicht. Dass ich nicht etwa Christoph anstecke. Draußen dann oder zu Hause können wir uns anstecken, aber nicht hier. Wie überall eine Liste, Datum, Uhrzeit, Namen, Adresse, zur Nachverfolgung von Infektionen, falls wir uns doch ausgerechnet hier gegenseitig anstecken sollten.

Vielleicht ruft uns nächste Woche ein Amt an: Es sei jemand an Corona erkrankt. Der Liste zur Nachverfolgung der Infektionsketten sei zu entnehmen, dass wir eine Stunde lang die Luft veraerosolt hätten, genau am Vortag des devon erkrankten Besuchers.

Oder so: Jemand ist erkrankt und das Amt recherchiert anhand sämtlicher Listen, wo er überall gewesen ist. Nein, stimmt nicht. Die Listen der Lokale liegen ja nicht sämtlich dem Amt vor, sondern werden erst gesendet, wenn ein Infizierter dort war. Woher weiß das Lokal, dass einer infiziert war? Woher weiß das Amt, wo ein Infizierter überall war?

Dann vielleicht so: Der Erkrankte kann sich genau erinnern, dass er am Tag X um 11 Uhr beim Bäcker Y war. Das Amt lässt sich dann die Liste vom Bäcker geben: Alle, die zur besagten Zeit in der Liste stehen, müssten jetzt infiziert sein.
Um halb 12 war er im Museum und hat alle infiziert, die in der dortigen Liste zu finden sind. Um 1 ist er wo eingekehrt und saß am Tisch Z, das weiß er noch, ohne Liste, hat sich um ein Uhr zehn einmal umgesetzt, weil die Sonne ungünstig gewandert ist, an den Tisch SZ, verlor, vom Kellner immernoch nicht beachtet, die Geduld, um eben ein anderes Lokal zu suchen. Ein Uhr dreißig kurz wo zur Toilette, ohne einzukehren - ohne Liste - 1 Uhr 35 Sonnenbrillen-Abteilung, dort müssten etwa 20 Brillen infiziert sein. Saß um 1 Uhr 45 für 5 Minuten in einer Kirchenbank, 5. Reihe 3. Platz von links. Zuletzt im Zug B, Wagen C auf Platz D, umziehen auf Platz E, weil ein Pärchen zusammen sitzen wollte, einmal durch den ganzen Wagen zur Toilette, alle im Vorbeigehen infiziert, die Toilette war defekt, zurück und in Wagen F, wo er alle infiziert hat. Beim Aussteigen hat er alle in der Tür infiziert, weil die Einsteigenden immer so dicht davor stehen, dann in den Zug G, der fuhr nicht ab, hat sich bei Gleis H gesetzt, wo jetzt alle, die sich im Laufe des Tages noch so gesetzt haben, infiziert sind ...

Nein, so geht das alles nicht ... Was ist eigentlich aus der Corona-App geworden? Seit Monaten nichts zu hören. Nutzt sie jemand? Funktioniert sie?

2. August, Bad Hersfeld, Seht ihr, ich bedecke immer auch die Nase

Auf dem Tisch ein Scan-Code. Man wird uns doch auch unsgescannt bewirten? Wie wir uns setzen, kommt der Kellner mit nichts als: „Einmal einscannen!“ Oh, und äh, eine ... könnten wir bitte auch eine Getränkekarte bekommen? - Er rollt die Augen, die weitere Mimik sieht man unter der schwarzen Maske nicht. „Hier einmal scannen!“ - Könnten wir das vielleicht in Papierform? Und eine Getränkekarte bitte? - schweigt, holt eine Liste, um sie auf den Tisch zu klatschen, will wieder umkehren - Und eine Karte? - Wenn er uns mal nicht gleich raus wirft wegen mangelnder hygienischer Einsicht. „Aber ausfüllen müssen Sie das!“ - Wir sind ja dabei, worauf er uns dann doch noch eine Karte bringt.
Es ist schon richtig, dass so streng auf Hygiene geachtet wird. Wir beobachten nun, wie man das macht:

Tische werden nicht mehr mit Wasser und Spülmittel abgewischt, sondern nur noch, was so an Dreck drauf ist, desinfiziert. Die meisten Leute gehen nicht die Hände waschen, lassen alles dran und desinfizieren das. Warum, haben wir nicht gefragt, mag sein, dass sonst beim Händewaschen eine Seuche in den Abwasser-Rohren ...
Haben sich Gäste erhoben, schleudert die Kellnerin die Stühle in Position zurück, nimmt Blümchen und Deko vom Tisch, sprüht Desinfektionsmittel mindestens fünfmal in die Mitte und wuschelt voll Genugtuung, ihren hygienischen Einsatz aus Überzeugung zu demonstrieren, zehnmal mit einem Lappen drüber, wobei der manchmal zufällig auch die Tischränder lose mit abschlappt. Solange wir sitzen: überall die Tischmitte und versehentlich mal die Ränder. Ob die Leute die Ränder garnicht besuddeln? Sie haben dort ihr Besteck, die Teller, beschnäuzte Servietten, Hände, lehnen sich zurück mit verschwitzten, nackten Armen auf den Lehnen. Schon drei Gäste haben in der Zeit gewechselt und greifen ohne Ekel mit vollen Handflächen um die Lehnen. Und diese werden, solang ich das beobachte, niemals abgewischt oder desinfiziert. Warum so gründlich die Tischmitte, wo die Blumen stehen? Muss an den Blumen liegen.

Der hygienisch so überzeugte Kellner greift sich außen an die Maske. In der Gebrauchsanweisung der Masken ist immer zu lesen: nicht außen dran fassen. Nein, nein, die ärgerlichen Gemüter können sich beruhigen, ich will keine Kritik üben, denn ich weiß, davon steht nichts in den Hygiene-Verordnungen, und so fassen sich eigentlich alle, wir uns natürlich auch, immer außen dran - weil’s juckt, oder um zu zuppeln, damit ein Hauch Luft rein kommt - unser hygienisch korrekter Kellner, dem andauernd die Nase heraus rutscht, ungefähr minütlich. Mit derselben Hand nimmt er Geld, verschmierte Kuchenteller, beschnäuzte Servietten, korrigiert sich wieder die Maske, damit die Hygiene stimmt, bringt dem nächsten Besteck. Jetzt gibt er einem Kumpel die Hand und - wieder an die Maske, so merkwürdig oft, man hat den Eindruck, zur hygienischen Demonstration: Sehen Sie, ich bedecke immer auch die Nase, da ist Verlass.

Oft sieht man alte Damen, wenn sie ausgelassen schnattern, die Masken in der Hand zwirbeln und kniffen wie einen Einkaufszettel, und wenn sie sich verabschiedet haben, das Knautschbündel wieder glatt streichen und übers Gesicht ziehen.
Viele binden die Maske zwischendurch um den Arm, da sehen wir öfters alte Damen im eifrigen Plaudern unbedacht mit dem maskierten Arm auf der Tischfläche und den Stuhllehnen herumwischen, danach besten Gewissens die Maske wieder aufziehen, mit freudigen stolzen Augen wie einer, der etwas sehr Löbliches tut. Was auch immer an Keimen und Pilzen so alles über Mund und Nase gezogen wird, Masken sind hygienisch, die Verordnungen erfüllt.

Viele treten näher an jemand Fremdes heran, wenn sie ihn etwas fragen wollen, recken ihm den Mund entgegen, und nehmen genau dann die Maske herunter, wie, wenn sie einen Hut abnehmen, weil es höflicher ist, sich mit sichtbarem Gesicht und ohne Genuschel verständlich zu machen. Um dabei ihre hygienische Überzeugung zu demonstrieren, tun sie das in großem Ausfallschritt, damit das hintere Bein auf Abstand bleibt, und machen während der Unterhaltung immer mal so, als wenn sie sich ganz schnell wieder zurückziehen, können sich kaum aussprechen lassen. Noch nie habe ich gehört, dass das moniert worden wäre, im Gegenteil. Sind sie fertig, nicken sie sich wohlgefällig zu, als haben sie einen Hygiene-Pakt geschlossen, nehmen den vorgeschriebenen Abstand wider ein und ziehen die Maske auf, sobald sie alleine stehen. Das beste, was sie tun können, ist noch jemand anderes zu ermahnen, den sie einzeln am Rande stehend ohne Maske erwischen.

8. August, Aachen, Koffer voll Masken?

Die Maske soll nur einmal verwendet werden. Einmal Zug fahren, aussteigen, Maske absetzen, schon soll man sie entsorgen. Aufenthalt, umsteigen, neue Maske, wir haben viermal umsteigen müssen, oder wieviel uns die Bahn unplanmäßig zugemutet hat, in dem Chaos zählt man ja nicht mit. Jetzt kann einer fragen: Ja, warum setzt man die Masken überhaupt ab? Man kann sie doch dauerhaft auf lassen, der Tourist den ganzen Tag, in Museen, Cafés, Kirchen, Bahnen, Hotel, und wechselt, wie empfohlen, erst nach vier Stunden, das sind am Tag nur 4 Masken, verschmutzt gleich weniger die Umwelt. Aber man muss sagen, dass fast alle, wo es ihnen frei steht, ihre Masken herunterziehen und jede Gelegenheit nutzen, frei durchzuatmen.

Ein Anschlusszug entfällt, trödeln. Durchsage: Auch der nächste entfällt, Reisende nutzen bitte alternativ Zug A auf Gleis B, Abfahrtzeit C, das ist jetzt! Der fährt jetzt! Rennen, Hacken vor uns zum Gleis, ein Mann stürzt mit lautem Gerumpel, keiner hilft, Masken aufsetzen keine Zeit, T-shirts nass geschwitzt, und - - - der Zug fährt vor unserer Nase ab. Danke für die pünktliche Durchsage.

Warten. Weitere Alternative, über die man dann nochmal, wer weiß wie oft, umsteigen soll: ein Zug, wo man sich in die Eingänge drängelt, um noch hinein zu passen.

Die versuppte Maske wieder ins Gesicht. Die Masken der anderen sehen ähnlich klitschig aus. Wen schützt man eigentlich, wenn jeder sich selbst die Keime ins Gesicht schmiert?
Ein junger Typ meint es nicht ironisch: „Ich versteh‘ nicht, was mancher meckert, von wegen kriegt keine Luft, so’n Schwachsinn. Schneidst eben paar Löcher rein, ich seh‘ das Problem nicht! Es geht um Rücksichtnahme! Maske ist doch das Mindeste!“. Man sah sogar schon durchsichtige Schleier, Siebgaze oder Häkelgardinen. Auf die Weise hygienisch korrekt stehen wir im Gang eines überfüllten Zugs gedrängt einfach so lange herum, bis keiner mehr weiß, ob der irgendwann abfährt.
Wir wieder raus, nach anderem Anschluss umsehen, und wieder ein, als dieser andere ebenfalls ausfallen soll. Maske auf, Maske ab, auf, ab. Dann lässt die Durchsage im Zug vernehmen, es werde der oder der andere Anschlusszug empfohlen, sodass wir und viele wieder aussteigen, unter Gerenne, Geschleppe und Getippe auf Fahrplan-Apps so hin und her. Schwitzen, tropfen, pusten. Maske auf, Maske ab, Griffe, Türöffner, man müsste beim Maske auf und ab jedesmal die Hände desinfizieren und hätte im hygienischen Prozedere längst schon wieder einen Anschluss verpasst. Und schon zwanzigmal eine Maske entsorgen müssen, einen ganzen Packen. Für die nächsten Tage einen Koffer. Wir müssen ja durch keinen Zoll. Käme man noch wegen Schwarzhandels in Verdacht, wenn man Koffer voll Masken mit sich herum schleppt.

Noch mehr Zugausfälle. Leute von drei Zügen in einen Zug gepresst und ein Waggon gesperrt, Bänder vor die gesamte Sitzreihe gespannt mit Aufschriften: „Klima-Anlage defekt. Dieser Wagen darf nicht benutzt werden.“ Leute mit Sack und Pack im Gang stehend, einige auf der Erde sitzend, von Füßen umstellt, müssen immer andere über sich steigen lassen.

Im Geschiebe gerät eine Frau in den vordersten Meter des verbotenen Waggons, hundert leere Sitze hinter sich. Als sie nicht mehr stehen kann, setzt sie sich übers Absperrband hinweg auf eine Armlehne. Wenn da schonmal der Anfang gemacht ist, sickern Christoph und ich langsam ebenfalls in den verbotenen Waggon, schon sitzen wir zu dritt. Tatsächlich, der Wagen dürfte garnicht benutzt werden, trocken stehende Luft, als wären wir in eine Filzmatte eingewickelt. Früher konnte man die Fenster öffnen. Überhaupt waren die Wagen so undicht, kam überall Luft rein, und wenn heute alles luftdicht sein muss, war früher nicht alles voll Teppich und Stoffpolster.

Wir nehmen die Masken ab und beschäftigen uns mit Atmen und Kreislauf. Ein hoch bewaffneter Polizist wäre der nächste im Gedränge, aber wirft uns einen warnenden Blick zu, wie dass er uns unter Beobachtung nimmt. Steht dort im klimatisierten Flur, während wir darben, hat dank uns mehr Platz, und macht sich als braver Beamter, der den Bösen gefunden hat.

Doch nicht lang, kommen andere Leute nach. Lauter Stirne und Beine schauen aus allen verbotenen Sitzreihen heraus, man hört Tuscheln und Gealber. Die Gänge sind nun also um einen ganzen Waggon gelichtet, und trotzdem rnoch überfüllt von Stehenden, dass keiner durch kann! Auch kein Schaffner - der ist irgendwo in Deckung gegangen. Die Leute hier scheinen sich nicht nur wegen illegalen Sitzens hinter Absperrbändern kriminell verdächtig zu machen, viele haben die Masken ab. Aber auch ohne Maske wird einem schwindelig. Ist still geworden. Konzentrieren sich alle auf Atmen und Kreislauf. Ich rette ich mich doch mal kurz auf den Gang zurück, bevor ich nicht mehr aufstehen kann. Ein scharfer Befehl: „Die Maske ist zum Aufsetzen da!“ - der Polizist. Oh, Schuldigung! Wie gnädig, er nimmt kein Strafgeld.

Ein Mädchen steht ebenfalls auf, mit dünnen Beinen am Taumeln, hangelt sich an den Sitzen lang. Hoffentlich denkt sie noch schnell an die Maske, wenn sie umkippt. Als wir endlich aussteigen, ist Christoph ganz bleich und übel, vergisst ebenfalls die Maske. Und es wird niemals gefragt, ob jemand ok ist. Hängen bei Hitze in Bussen und Bahnen oft Leute mit geschlossenen Augen in den Sitzen, das sieht so undeutlich aus, und niemand schaut nach. Hauptsache der Ohnmächtige hat seine Maske dabei auf. Das wird Rücksicht genannt, das unbedingte Maskentragen und Anschnauzen ist eine ganz neue Rücksichtnahme, die es vor wenigen Monaten noch nicht gegeben hat.

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8. August, Aachen, Gesichtwaschen - Verstoß gegen die Hygienemaßnahmen

Weil das den ganzen Tag so arg hin und her geht mit dem Maske auf und Maske ab, vergesse ich immer öfter, ob sie jetzt auf oder ab ist. Stehe schon mitten im Lokal, ein ensetztes: „MASKE!“ - Oh, Entschuldigung. Ich suche die Toilette. - „Dort Treppe runter, ABER MIT MASKE!“ Treppe runter ist es still, bin völlig allein, Gemurmel der Gäste und Scheppern der Kellner weit weg. Man sitzt auf dem Klo mit Maske! Beim Händewaschen immer noch allein, kühles Wasser - man hat sich im Lauf das Tages so oft ins Gesicht gefasst, wie man sich ohne Maskenpflicht nie ins Gesicht fassen würde, die Haut juckt, und der verschwitzte, feucht gedämpfte Stoff darf nicht ab. Kamera an der Decke? Droht mir Anzeige, Notruf? Maske ab, Wasser ins Gesicht! Man fühlt sich gleich viel sauberer, verstößt aber gegen die Hygiene-Maßnahmen, hygienisch ist das nicht. Und das völlig vorsätzlich, wurde ich doch so deutlich aufgefordert!

Und wenn man sie draußen vergisst? Wenn sie draußen noch auf ist? Da sagt keiner etwas. Wer draußen maskiert ist, gilt sogar als besonders brav. Das ist durchaus auch neu. Denn vor drei Jahren zu Silvester in Koblenz zog nachts so eisiger Wind in die Lunge, dass ich am Rheinufer für paar Minuten den Schal über Mund und Nase zog. Aber die Medien hatten sich wegen Muslima gerade so ins Vermummungsverbot verbissen, dass mich einer beschimpft hat, wobei Schal und Mütze weiß Gott nicht muslimisch ausgesehen haben. Man musste das Gesicht unter allen Umständen offen in den beißenden Wind halten. Immer wie es die Medien gerade ansagen, die Leute parieren.

9. August, Aachen, „M A S K E !“

Kartenkauf fürs Museum: Christoph tritt maskiert ein, ich trödele vor der Tür und krame nach meiner Maske, bläkt der Kassierer durch den ganzen Raum: MASKE! Oh je, welch armem Tropf gilt das denn? Er meint doch nicht Christoph? Nein, er hat seine auf. Mit diesem Gebrüll wurden bisher nur Nazi-Kommandanten in Filmen gezeigt. Aber im Alltag - das ist eine absolut neue Entwicklung. Da werde ich gewahr, dass der Mann ganz starr seinen Blick auf mich gerichtet hat, er meint mich! Ja aber mir wächst doch die Maske nicht von Natur aus, vielleicht darf ich sie mal noch hervorholen und aufsetzen, bevor sie in meinem Gesicht ist und ich dann eintrete?
Ich sage nichts, er starrt mich weiter an, ist jünger, aber schüttelt mit einem Blick den Kopf, als wär er bei mir an ein idiotisches Kind geraten. Ich muss an manche Lehrerin von früher denken, wie sie den Mund gekräuselt und den Kopf geschüttelt hat, um zu sagen, das Kind stellt sich was blöd an, aus dem wird nie was.
Als ich maskiert eintrete, hören wir diesen „Lehrer“ mit seinem Kollegen über uns lästern, warum wir unbedingt zu zweit rein müssten. Nach uns tritt noch jemand ein, und als weitere Leute vor der Tür stehen, schreit er - schreit: NUR DREI! Alle perplex. Stille. So wenige für so einen weiten Raum? Und wegen mir wohl müssen andere warten, weil ich mit Christoph zu zweit bin? Na, dürften alle rein, müssten sie genauso lange warten, denke ich, wie man immer schon an Kassen warten muss. Ob zwei Karten auf einmal an eine Person oder an zwei Personen - macht doch zeitlich keinen Unterschied, aber mit Logik kommt man hier nicht weit.

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9. August, Aachen, „Da Sie ja alle schon groß sind“

Ein paar Leute, Luft und Himmel, nicht enger als sonst, nach gesundem Gefühl auf angenehmer Distanz, wenn man nicht aufdringlich sein möchte. Ich weiß nicht, welche Gefahr plötzlich droht, die eben noch nicht gedroht hätte - doch schnell alle Masken auf, als die Führung beginnt.

Wegen der plötzlichen Gefahr, in der wir seit dieser Sekunde schweben, wird eine Belehrung vorangestellt, wie früher in der Schule. Nicht kurz: „Bitte Masken tragen und Abstand wahren“, sondern eine richtige Predigt. Die Belehrerin, die jüngste unter uns, Schülerin oder Studentin, selbstbewusst als hat sie Karl den Großen unterrichtet, muss sich wegen uns auf niedrigeres Niveau herab lassen.
Wir seien darüber zu belehren, ganz wichtig, dass die „Mund-Nasen-Bedeckung“ zu tragen sei. „Ich weiß, das mag Ihnen nicht gefallen, aber solidarisieren Sie sich mit mir, ich muss sie vier Stunden tragen und wie Sie sich denken können, bin ich durch meine Arbeit vielen Menschen ausgesetzt.“ - Wir sind allerdings bereits alle bedeckt, und wie die Augen leuchten, durchaus mit Gefallen am Maskentragen, weil das so eine gute Tat ist.
„Und die Mund - NASEN - Bedeckung heißt nicht ohne Grund so, ja, Sie wissen vielleicht, worauf ich hinaus will.“ - Einige kneifen süffisant die Augen, weise nickend: Jaaa, alle kennen diese Sünder, denen die Nase heraus schaut. Zum Glück haben wir weit und breit keine Nasen unter uns und so schweift mancher Blick kurz über den Hof, ob da nicht ein schönes Negativ-Beispiel herumläuft.

„Außerdem bitte ich Sie zwei Meter Abstand zueinander zu halten. Ich weiß, das ist schwer, am Anfang funktioniert das immer, aber dann vergessen Sie es und kuscheln sich immer so gerne alle aneiander, nicht wahr?“ - sie rollt die Augen, zieht die Stirn in Falten, die Schultern an, Handflächen nach oben wie um Applaus zu empfangen, blickt tadelnd durch die Runde, damit sich jeder einzelne angesprochen fühlen und ihr beipflichten soll. Die Eifrigsten, wohlig amüsiert, drehen das Bäuchlein hin und her, mit strahlenden Augenfältchen zustimmend nickend. Was genau ihnen so gefällt? Der Gedanke ans Gruppenkuscheln oder die Spötterei? Allerdings stehen wir alle bereits auf Abstand und so hat jeder einen Blick wie: Mir kann keiner was vorwerfen, aber die anderen kann man nicht oft genug ermahnen: Etwa diese Widerständler, von denen hier Gott sei Dank keiner ist, diese Minderheit, von der es immer noch viel zu viele gibt, die das System zersetzt. Einige zwinkern sich strahlend zu, fehlt noch Kuchen und Kaffee, die Belehrerin setzt zu Anekdötchen an, meine Gedanken schweifen ab, als ich vernehme:

„Da Sie ja alle schon groß sind, gehe ich davon aus, dass ich das nicht alles zu widerholen brauche …“
Richtig, wir sind bereits 30, 50, 60 Jahre alt, als Christoph ungeduldig fragt: Könnten wir bitte mit der Führung beginnen? - Oh, das muss eine schlimme Frage gewesen sein. Die „Belehrerin“ schluckt, sichtlich angegriffen: „Tut mir leid, aber ich muss Sie darüber belehren. Das sind die Vorschriften. Ich führe hier nur meine Arbeit aus. Und wenn Sie sich nachher nicht an die Verordnungen halten …“ - „Wir haben die Verordnungen verstanden. Die sind überall gültig und werden zwanzigmal am Tag herunter gebetet. Sie müssen mit uns nicht in dem Ton wie mit Kindern sprechen.“ Um Gottes Willen! Eine solidarische Frau um die 60, die das Kindchenalter gern noch mal genossen hat, die Augen zu großen Kugeln aufsperrend, spendet der Angegriffenen Beistand: „Also ich finde es gut, dass Sie das alles nochmal deutlich sagen.“ Und eine Zweite: „Ja, also danke, dass Sie das alles erklären.“ Eine Dritte zu Christoph: „Das bringt doch hier nichts.“
Christoph: Dass er extra wegen der Kaiserpfalz angereist sei. Ein Raunen durch die Runde voller Zivilcourage gegen den Störer. „Es geht um Rücksichtnahme aufeinander, um die Einhaltung der Hygienevorschriften, dass Sie nachher andere nicht gefährden. Wenn Ihnen das nicht passt, können wir die Führung auch abbrechen“. „Doch, doch, wir möchten ja gerade eben beginnen“, korrigiere ich schnell, damit man uns nicht etwa noch rauswirft.

In der Kirche - Was soll ich sagen? Ich möcht’s kaum glauben, hätt ich’s nicht selbst gesehn: stehen ausgerechnet die hygienischen Spötter dicht aneinander. Wenn man die Füße betrachtet auf vielleicht einen halben Meter, einmal sogar 30 Zentimeter: passen zwei Handflächen dazwischen. Sie lächeln immernoch so süffisant und nicken zu allem in ergebenster Zustimmung, haben einfach nur eine merkwürdige Vorstellung davon, was zwei Meter sind. Einzig Christoph und ich stehen wie Aussätzige abseits und kommen uns recht doof vor. Unglaublich doof, als „Störer“ der einzige zu sein, der die Vorschriften einhält, vorneweg als Gefährder verdächtigt. Sind sie nicht Gefährder? Tatsächlich nicht: Sie sind konform, durch Spötterei und Mahnungen hygienisch und sozialverträglich.

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10. August, Aachen, „Sie sind einmal?“

Vormittags. Die Pfalzkirche öffnet, etliche Leute warten im Hof. Ein Wächter kommt zur Tür, gestikuliert und ruft: „Der erste kann eintreten! Stop! Masken und Abstand!“

Über den ganzen Hof Linien für große Abstände. Die Menge formiert sich, immer Zusammengehörige auf eine Linie, zu zweit, allein, mit Kindern. „Sie sind einmal?!“ - ruft er die erste Person. Sie darf eintreten. Hat er gesagt „Sie sind einmal?“ - Ja, hat er so gesagt. Als nächstes zwei vor ihm. „Zwei?“ - ruft er, sie bestätigen den Befund. „Sie können eintreten, zwei Meter Abstand!“ Zu den nächsten Zweien: „Zwei?“ Ich würde mich nicht trauen, ihm zu antworten, um ihn nicht für blöd zu halten, als könnt er nicht bis zwei zählen. Schüchterne Stimmchen bajahen. Weiter.
„Wieviele sind Sie?“ - Viere melden „Vier“ - „Eintreten, drei Meter Abstand!“ - „Verzeihung, zwei Meter.“ - der Wächter leiser: „Ja, zwei Meter“, wieder laut: „Der nächste. Einmal?“ - „Ich bin einzeln, ja.“ - „ Eintreten, zwei Meter Abstand!“ Wie Sträflinge beim Eintritt in ein Lager, oder Musikschüler beim Militär. Der Wächter in seinem Element - was hat er all die Jahre entbehren müssen, bis er Kasernenhof spielen kann - verausgabt sich, schon schnauft er, mit paar Leuten anbändelnd: „Möchten Sie mal übernehmen? Das ist anstrengend, sag‘ ich Ihnen“, stolz auf seine nützliche Arbeit, geht’s doch hier um Leben und Tod. Die Leute pflichten ihm bei, damit er durchhält und sie sich weiter so trefflich kommandieren lassen können.

Mitten hinein in das Prozedere eine Führung, schnurstraks an der Schlange verbei, ohne Warten und Kommando direkt in die Tür, Vortritt, zu zehnt ohne Abstände hinein. Sicher wie wir gestern, unter süffisanter Spöttelei gegen Widerständler belehrt, müssen sie dank hygienischer Überzeugung die Abstände nicht mehr einhalten.

Wir warten, bis alle drin sind. Ruhe im Hof. Ein Pfarrer plaudert lustig: „Prächtig, mir geht’s prächtig. Ich bin praktich arbeitslos, coronabedingt, bei voller Bezahlung … Singen geht nicht, dies geht nicht, das geht nicht …“

Dann Streit: Mann und Frau mit etlichen Leuten gegen sich, den Wächter voran. Der hat das Paar der Kirche verwiesen und schimpft, dort drin sei Maskenpflicht. Der bedrängte Mann schimpft zurück: „Abstand! Halten Sie gefälligst Abstand zu mir!“ Das Paar, an der Mauer, schließt die Fahrräder los, der Wächter denkt nicht ans Abstandhalten, unterstützt von Schaulustigen. Der Angegriffene, umzingelt, wird laut: „Abstand sage ich!“ - „ … Maskenpflicht im Gebäude … “ - „ABSTAND!“ Die Frau, leiser: „Die Maskenpflicht ist ein extremer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte. Wenn Sie uns für krank und Corona für gefährlich halten, dann nehmen Sie doch einfach Abstand, dann kann überhaupt nichts passieren!“ - Zumal drinnen tatsächlich wirklich drei Meter Platz um jeden wäre. Was hilft’s? Die Menge ist sich einig, das Paar, vom kulturellen Leben ausgeschlossen, wie es immer heißt, verlässt pikiert das Gelände.

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10. August, Aachen, anonyme Gäste

Manches Café legt, wie früher üblich, die Speisekarte vor und lässt den Gast anonym bleiben, der Asiate, Italiener, Grieche, Araber … die auch seit Jahren in manch vereinsamten Randkleinstädtchen die letzten sind, dass man, manches mal hungrig, unendlich dankbar ist, wenn man sich ohne Proviant dorthin verirrt hat. Die Deutschen haben dort jedes Geschäft aufgegeben, öffnen erst abends oder nach Anmeldung für größere Anlässe, oder sind offiziell geöffnet, aber wenn man davor steht, geschlossen.
Manchmal ahnt man, oder überzeugt sich beim Recherchieren, dass ein Grieche eigentlich ein Russe ist, ein Araber ein Italiener oder „Muttis Kaffekännchen“ ein Chinese, der ganze Straßenzüge mit allen Läden besitzt.

Die strengsten sind Deutsche. Vorhin sind wir in ein deutsches Lokal, das heißt, wir haben’s versucht. So eins auf die Schnelle mit harten Gartenstühlchen. In der Sekunde, wo ich mich setze, blafft dermaßen laut der Kellner: „Entschuldigung!“ in einer Art wie: Sie Idioten! „Der Tisch ist noch nicht desinfiziert!“ Nicht dass wir’s überbewerten, aber nicht nur wir: Aller Augen rundherum, ebenso alarmiert, auf uns, als sähen sie in der Sekunde, wo ich halb die Stuhlfläche berührt habe, die roten Stacheldinger aus den Nachrichten durch die ganze Stadt fleuchen, Super-Spreader! Nach kurzer Schrecklähmung hauen wir ab, eine Art Täterflucht. Man hat uns zum Glück nicht verfolgt und keine Steine hinterher geworfen. Da kommen wir auch noch hin.

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11. August, Cuvenmuseum Aachen, nur durch den Hinterausgang

Am Eingang wird man gebeten, sich die Hände zu desinfizieren. Darf man die Ausstellungsstücke etwa anfassen? Ach wo, Unsinn, berührt wird nichts, nur geguckt. Mit keimfreien Händen verseucht man auch nichts beim Gucken. Gut, manch einer nutzt vielleicht das Geländer der Treppe. Wir scheinen die einzigen Gäste zu sein, unter etlichen Aufsehern. Natürlich wieder Maskenpflicht. Wir wissen immer noch nicht: Ist es, dass ich Christoph hier nicht anstecke? Oder wegen Drostens Aerosolen, damit wir die Raumluft nicht verseuchen? Wir kaufen Ansichtskarten, die Frau hebt erschrocken die Hände zur Abwehr gegen uns: „Nicht auf den Tresen legen bitte!“, das Geld nimmt sie aber an. Als wir gehen, weist man uns eine Hintertür, man darf nämlich nicht denselben Weg hinaus wie hinein. Wegen dem Gegenverkehr? Es kommt ja niemand, die ganze Zeit schon nicht, Abend, wird gleich geschlossen. Nein, das ist Vorschrift. Im Gebäude ja, dort ist nämlich nur die eine schmale Wohnhaus-Treppe, die muss man hinunter wie hinauf, wird schon keine Seuche ausbrechen, aber unten dann, aus mysteriösen Gründen, darf man auf keinen Fall einen Weg zurück. Die Frau geht uns voran, uns durch einen engen Hinterflur zu führen, sich kontaktfreudig direkt in die Tür zu stellen, die schmale Tür für uns aufzuhalten, dass wir dicht an der Frau vorbei … So kommt es, dass wir heute eine Seuche verhindert und Leben gerettet haben, indem wir nicht alleine durch den großen, weiten Eingang wieder hinaus sind.

11. August, Aachen, Ludwig-Forum

Die Eingangshalle ist klimatisch eine Art Gewächshaus, worin uns die Empfangsfrauen ziemlich reduziert begegnen. Letzte Versuche von Höflichkeit, die wie ein stehendes Gewässer unter Umständen schnell mal umkippt. Von mir aus muss die Frau nicht ihre, wie sie’s stöhnend genannt hat, „Corona-Gardine“ vorhängen. Wir könnten unsere abnehmen. Keiner wagt’s.

Ausstellungshalle. Vereinzelte Aufsichten auf fünfzig Metern, Kunstobjekt-Stellagen, nichts weiter anwesend, sodass wir erstmal über die Sicherheit belehrt werden müssen. Die Frau tritt direkt an uns heran, vor uns hat sie keine Angst, warnend auf die leere Halle deutend, folgendermaßen: Man darf niemals quer durch die Halle hin und her, immer ausschließlich gegen den Uhrzeigersinn schneckenförmig von außen nach innen, nicht den Weg kreuzen, den man gekommen ist. Wir betrachten die Halle, bemühen uns, darin eine virtuelle Einbahnstraßen-Spirale auszumachen. Des weiteren ist es coronabedingt nicht gestattet, sich zu setzen, man darf nur stehen. An jedem Platz Zettel, an manchen: Nur für Personal. Wäre ja unmenschlich wenn es acht Stunden stehen müsste. Ist keine Seuchengefahr, wenn sie sitzen? Wenn der Besucher sitzt, ja, Aufseher nicht.

Ich bin durchaus dafür, dass sie sitzen. Ich würde ihnen statt der harten Schulkinder-Stühlchen Sessel aufstellen. Wo ich zehn Jahre als Aufsicht gearbeitet habe, war es nicht gestattet, sich in Anwesenheit von Besuchern zu setzen. Acht Stunden auf der Stelle stehen, hier in Aachen sogar bei einer Seuche unmenschlich, aber ich schweife ab. Guck, was gute Kunstwerke.

Wir gehen vorsichtig unsere Runden. Da hinten noch ein Besucher! - Was, wo? - Da ganz hinten war grad … - Schön, so allein hier, aber seuchentechnisch so gefährlich, dass einige Nebenräume geschlossen werden mussten, abgesperrt mit Schildern: wegen Corona und der Gesundheit. Vielleicht verseuchte Kunst?
Videos auf tollen Bildschirmen in einer Endlosschleife den ganzen Tag (ohne Publikum, nur so ins Leere) - ich nehme aber an, das Museum ist selbstverständlich für Gretas Klima, es ist wie mit Corona: Auf die Einstellung kommt es an. Und kommt nach Stunden tatsächlich ein Betrachter vorbei, ist er k.o. und liest das Schild: Nicht setzen. Wir rätseln immer noch: Vielleicht schützen Masken nur im Stehen, aber sobald wir uns setzen, sprüht es durch unsere Masken hindurch und verseucht die ganze Luft. Und wenn irgendwann doch mal wer vorbei kommen sollte, morgen, verbreitet’s sich in der ganzen Stadt, tausende Tote, weil wir uns hingesetzt hätten, wegen einem Kunstfilm! Wer könnte das verantworten?

Wer sitzen möchte, darf das allerdings vorne im Café - dort: ohne Maske! Ja, in der Ausstellung trotz Maske nicht sitzen, im Café sitzen ohne Maske, sonst kannst ja nichts trinken. Das Virus weiß das, ist so lieb und macht dort Waffenstillstand. Um ins Café zu kommen, gehen wir also schneckenförmig im Kreis bis ans Ende, bevor man zum Anfang, wo das Café ist, zurück darf. Genug gesessen, muss man wieder die ganze leere Halle schneckenförmig abwandern bis an die Stelle, wo man zuletzt aufgehört hat. Werden die Beine öfters lahm: eben drei, vier mal ins Café, und zwanzig mal in leerer Halle im Kreis herum, während die Aufsicht zuguckt, ob man schön im Kreis läuft.

Irgendeinen Sinn muss es doch haben. Ich kann es mir nur so erkären: Etwa verstreue ich Viren auf dem Weg - Drostens Aerosole. Dass ich bloß nicht meinen zuvor gegangen eigenen Weg kreuze und durch diese Sauerei nochmal durchlaufe. Nein Moment: Wer später hier lang kommt, der läuft durchaus hier durch, und wenn ich zum Hinsetzen gehe, muss ich auch den Weg mehrmals - man sieht: Denselben Weg darf man durchaus mehrmals, aber immer in dieselbe Richtung. Auf die Richtung kommt es an! Der Weg in eine Richtung ist hygienisch, aber sobald ich mich umkehre, bricht die ganze Seuche aus. Lots Frau soll zur Salzsäule geworden sein, als sie sich nach Gomorrha umgedreht hat. Wir achten selbstverständlich jede Religion. Als wir in der Türkei eine Moschee besucht haben, mussten Frauen alle, atheistische Touristen, in Kopftuch! Und als Gast, wie hier im Ludwig-Forum, muss man den Glauben zwar nicht teilen, aber hält sich natürlich an die Vorschriften. Die meisten Leute sind beleidigt, wenn man nach einem Sinn fragt. „Es geht ums Prinzip“. Wir fragen lieber nicht.

12. August, Düsseldorf, „BEKLOPPTE!“

Seit wir aus Leipzig weg sind, alles so viel strenger. In den paar Tagen, oder liegt es an der Gegend? Am Bahnhof alle in Masken. Wir sind im Grunde sehr anständig, nur einmal vertrödle ich für ein Minütchen die Makse: Wir betreten die Halle durchs Portal - war überhaupt eine Tür? - oder war‘s immer noch im Freien, bloß 10 Meter oben überdacht? Weil so viel Platz und Frischluft ist: Denkst kurz nicht dran, stürzt ein großer, grauer Greis auf mich zu, mit seinem Gesicht dermaßen dicht an mich ran, dass ich ihn kaum noch sehe, zupft sich zur Demonstration an der Maske und brüllt, wirklich brüllt mich an: „MASKE!“ - Ich weiß, so nennt man das - „BEKLOPPTE!“ - Was kommt er so dicht ran, wenn er Angst hat? Hat nicht er mich gefährdet? Nächstens brülle ich: ABSTAND! Und dass er seine Maske austauschen soll, nachdem er sich dran rumgemacht hat. Im Grunde ist’s mir gleich, was sich die Leute an Keimen dran schmieren, aber wenn sie nachher etwas kriegen, bin ich Schuld, weil ich fünf Meter weiter keinen Keimlappen im Gesicht trage?

Heine-Haus. Steak-Lokal. Wir sind dabei, uns zu setzen, steht schon der Kellner neben uns mit Desinfektionsflasche - wir lehnen uns zurück, denn er hat sicher vor, die Tischfläche zu desinfizieren - befielt phlegmatisch: „Einmal Hände bitte“. Uns verschlägt’s die Sprache, wie wenn er uns übers Knie legen will. Wieso, was ist denn mit unsern Händen? Zeigen verwirrt die Hände vor, ist promt klebriges, zähes Desinfektionsmittel drauf gesprüht, nicht auf den Tisch. Wir sind doch nicht Hygiene-Verweigerer? fragt mich ein Teufelchen im Ohr. Ach wo, ist alles richtig so, und wie der Kellner steht und guckt, reiben wir uns das gründlich ein, wie Mr. Bean, der sein Steak essen muss, und aus Höflichkeit so tut, als wenn es schmeckt. Wir tragen vorschriftsmäßig unsere Daten in seine Liste ein. Der Kellner reicht uns Speisekarten, aber gleichzeitig, wie er sie reicht, fragt er: „Wissen Sie schon, was Sie essen wollen?“ - Äh, nein, vielleicht, wenn das so ist: würden wir nur etwas trinken bitte. - „Was möchten Sie trinken?“ - Dürfen wir kurz einen Blick in die Karte … ? - Er macht einen Wink, heißt: „Nur zu!“ - aber bleibt so lange stehen, uns ansehend wie: Wird’s bald? Wir möchten ihn nicht provozieren, kürzen das Kartelesen ab, bestellen einfach irgendwas, was uns einfällt, er packt zackig die ungelesenen Karten wieder ein. Vielleicht, bevor wir sie irreparabl verseuchen?
Die nächsten Gäste müssen die Hände vorzeigen, werden eingesprüht und, geistesgegenwärtiger als wir, schimpfen: „Äh, das klebt aber, dein Zeug, ne?“ - worauf er milde wird und freundlich erklärt: „Ja, aber ist hochwertig, habe ich extra ausgesucht. Da können Sie sich dann auch wirklich verlassen.“

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13. August, Düsseldorf, Kunstpalast

Paradetaugliches Gelände, alles auf Größe angelegt. Wir betreten die Pforte, sehen die Halle, aber von einer Türsteherin abgefangen, die hoch engagiert den Zutritt organisiert, wie überall wegen der dringlichen Seuchengefahr persönlicher Kontakt. „Guten Tag, Sie möchten die Ausstellungen besuchen? Haben Sie Tickets?“ - Nein, ach, bekommt man die nicht hier? - „Doch, doch, dazu müssten dann einmal bitte zur Kasse.“ - Darauf wären wir gar nicht gekommen. - „Folgen Sie den Absperrungen und Anweisungen, hier ist ausschließlich der Eingang. Wenn Sie den Ausgang suchen, dürfen Sie nicht hier entlang, nur einmal um die Halle herum, dort dürfen Sie dann den Ausgang nehmen. Zur Kasse nur hier entlang. Und Ihr Gepäck müssten Sie bitte einschließen, an der Kasse vorbei … Die Ausstellungen sind in Etagen verteilt … “

Wir treten in die menschenleere Halle, Irrgarten aus Absperrbändern, direkt geradeaus die Kasse. Warum man nun meint, uns so aufwendig erklären zu müssen, wie wir zur Kasse finden? - „Hier ist unser Desinfektions-Spender und können Sie sich einmal bitte die Hände desinfizieren.“ - Ach, wir sind grad schon dreimal …

In der Schließfach-Halle ein Drama: Der Fahrstuhl ist laut Anweisung für nur zwei Personen - nein, Platz wäre gut für sechs, aber wegen der Hygiene! Ein Grüppchen dreier Rentner reckt eng die Köpfe zusammen und debattiert tuschelnd, wer mit wem jetzt hinein darf. Vor das heikle Problem gestellt, wer nach Auslotung der Sympathie zurück bleiben muss - wer das fünfte Rad am Wagen ist - einigen sie sich, dass die eine draußen bleibt und allein nachfährt, aber dann oben sehnlichst erwartet wird. Wie sie das beschließen, streichen sie ihr tröstend die Schulter. Sie sind durch die Sache ziemlich irritiert, aber nehmen die Hygiene sehr genau. Christoph und ich, glücklicherweise zu zweit, sehen zu, was wir unserseits zur Seuchenbekämpfung beitragen können: Stellen uns, als wir dran sind, wie vorgeschrieben, nicht nach Pärchenart zusammen, sondern auf die vorgeschriebenen Fußmarken am Boden: Gesichter zur Wand, Rücken zum Partner, schäkern uns dann doch wieder über die Schultern hinweg zu.

Wir bemerken dann, wie kompliziert es tatsächlich ist, sich in diesem Gebäude zu bewegen. Irgendwer hat - man kann sich den Aufwand und die Diskussionen vorstellen - imaginäre Wege festgelegt, unsichtbare Wände, die es verbieten, quer durch eine Halle zu gehen. Nicht, dass man kunstbegeistert ein Verbots- oder Vorschrifts-Schild übersieht, einen Pfeil am Boden, über jedem Raum „Eingang“, „Ausgang“.

Manchmal erscheint eine imaginäre Wand spontan. Denn es war zunächst durchaus möglich, hin und her zu gehen, wie man eben vergleichend Bilder betrachtet. Erst als Christoph die Ausstellung kurz verlassen will, ist die Aufseherin zur Stelle: „Halt Stop! Wo wollen Sie denn hin?“ - Zur Garderobe, etwas holen. - „Das geht aber nicht, wir haben die Hygiene-Vorschriften. Diese Tür ist ausschließlich der Eingang. Überhaupt dürfen Sie immer nur in eine Richtung laufen.“ - Am anderen Ende der Wand führt eine zweite Tür in eben dieselbe Treppenhalle, „nur Ausgang“. Das heißt, während man sich im Ausstellungsraum befindet, hat man sich auf der Strecke zwischen Tür A und Tür B beliebig hin und her bewegen dürfen, unter den Augen der Aufsicht. Erst, wenn man vorhat, eine Tür zu benutzen, baut sich eine imaginäre Wand auf, und ist dieselbe Strecke gesperrt, sodass man, einmal bei B, gar nicht erst in Richtung A hätte gehen dürfen.

Türrahmen unterliegen hingegen einem konstanten Gesetz: Durch Tür A geht’s nur hinein, durch B hinaus. Beide sehen gleich aus, groß wie Garagen-Tore. Nun, wir sind ja gerade alleine hier, niemand kommt, kann sich unmöglich wer anstecken. Trotzdem: Theoretisch könnte doch mal demnächst einer kommen - die Vorstellung reicht schon - er müsste dann durch einen verseuchten Eingang. Also hinein verseucht man den Eingang nicht - kann der nächste kommen - aber hinaus verseucht man ihn, und tritt irgendwann der Nächste ein, ist die Katastrophe komplett.
Christoph muss zum Aufzug, der ist direkt hier vor ihm hinter dem Eingang, zwei Schritte nur. Ginge er durch die andere Tür (Ausgang), müsste er erstl durch den ganzen Raum, durch die andere Tür und dort in der Treppenhalle nach links den Weg zurück bis zu dem Aufzug, vor dem er jetzt gerade steht. Also, ob durch die Tür hier oder dort - gehupft wie gesprungen, nur ersteres deutlich kürzer.
Aber Irrtum! Denn in der Treppenhalle natürlich ebenfalls nie nach links! Immer nur rechts, Kreisverkehr. Das heißt, um die ganze Plattform herum, durchs Café, an unmaskierten Kaffe-Trinkern vorbei, Kontakte sammelnd, bis man, auf die Weise hygienisch, an genau dem Fahrstuhl wieder angekommen ist, der momentan direkt vor uns liegt. Christoph reicht’s, widersetzt sich der Frau, geht frech durch den Eingang hinaus, ohne die vielen Kontakte gesammelt zu haben, direkt zum Fahrstuhl, so ein Ungläubiger! Die Infektionszahlen sind in den Tagen auch wieder gestiegen. Was haben wir da nur angerichtet?

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13. August, „Haus, das Verrückte macht“

Düsseldorf. Kunstsammlungen

Wir, wie jeden Tag in leeren Hallen maskiert - damit retten wir Leben - gehen ganz vorsichtig. Alle fünf Meter stehen Aufsichten schweigend an Türen und Wänden und beobachten uns scharf. Man wird etwas an uns finden, wir könnten Attentäter sein. Wir wagen kaum zu flüstern, setzen jeden Schritt bedacht, sehen uns gründlich um, um nicht wieder imaginäre Wege zu verpassen, Pfeile und Anleitungen zu übersehen, oder durch falsche Richtung eine Seuche auszulösen, kurz: versuchen, uns bestens zu betragen.

Betrachten das erste Bild - da jetzt: Die erste Aufseherin hat etwas an uns entdeckt, zum Neid aller andern, die‘s nicht vorher entdeckt haben, als hätten sie ihre Guck-Arbeit an uns nicht gründlich genug gemacht. Die Aufseherin nimmt mich mit Fingerzeig beiseite wie ein schlimmes Kind und ermahnt mich: „Den Pullover dürfen Sie aber nicht so in der Hand halten, das ist hier nicht gestattet, den müssen Sie entweder anziehen oder von hinten über die Schultern hängen und auf dem Rücken tragen - Und Sie auch“, zu Christoph gewandt.
- Ah ja, damit wir nicht diese Dreimeter-Bilder stehlen und drunter verstecken? Gelingt’s uns nie, ungescholten durch ein Museum zu kommen? - Ich lege mir das Sommerpulloverchen um die Schultern, Christoph, geistesgegenwärtig: Darf ich fragen, warum? - Das ist eine gute Frage. Wurden wir doch andernorts ermahnt, weil wir im Gegenteil gar nichts über dem Rücken tragen durften, auch Taschen, alles musste nach vorn auf den Bauch oder in die Hand - dass man nicht hintenrum blind an ein Kunstwerk anstoßen soll. Warum jetzt hier alles auf den Rücken?

Die Antwort: „Sie haben die Pullover nicht in den Händen oder überm Arm zu tragen, nur über dem Rücken.“ - Ja, das sagten Sie, und könnten Sie uns den Grund dafür verraten? - „Das ist eine Anweisung und so vorgeschrieben. Die Sachen dürfen ausschließlich …“ - Warum? Welchen Sinn erfüllt das? - „Wenn Sie mich nicht verstehen, wie soll ich mit Ihnen sprechen? Englisch? Sprechen Sie Englisch?“ - Wiebitte? Ja, dann erklären Sie uns doch auf Deutsch oder Englisch, warum wir die Pullover über dem Rücken zu tragen haben. - „Das ist eine Anweisung. Das ist vom Vorstand so beschlossen und umzusetzen. Wenn Sie die Ausstellung besichtigen, müssen Sie …“ - Ja, dass es so ist, haben wir durchaus verstanden, aber Sie antworten nicht auf unsere Frage. Wenn wir unsere Sachen so tragen, wie Sie uns vorschreiben, wollen wir verstehen, was das bezweckt. „Sie haben die Pullover überzuwerfen. Ich werde jetzt den Vorstand anrufen.“ - Es macht ja keinen Sinn, mit Ihnen zu reden! Wir gehen jetzt, sind doch nicht geisteskrank! Sie zückt das Telefon, wir haben noch nichts besichtigt, machen kehrt und verlassen das Museum.

Nächstens will man, dass wir die Hosentaschen nach außen gekrempelt haben, oder die Schnürsenkel nur durch jedes zweite Loch, oder grüne Rattenschwänzchen hinten dran binden. Warum? Na, weil das eine Anweisung ist.

Wir protestieren selten: ziehen Masken über, sobald wir eine leere Halle betreten, laufen in leeren, weiten Hallen Spiralen und zwanzigmal im Kreis herum statt geradeaus, setzen uns nicht, zeigen Kellnern die Hände vor, tragen unsere Daten ein, lassen uns anschreien, von Studentinnen verspotten: „Da Sie ja alle schon groß sind...“, lassen’s begründen mit „Ich führe hier nur meine Arbeit aus.“, gibt es denn keine sinnvollere Arbeit? Tragen die Pullover mal so und wo anders wieder so, und nachher klettern wir die Wände hoch wie Obelix im „Haus, das Verrückte macht“.

Draußen gar kein Corona, Party-Meilen vor der Tür, Massen an Menschen, Bacchus-Treiben die ganze Nacht. Polizei-Streife überall dabei, um, wie man sieht, alles für in Ordnung zu befinden, alles im Einklang mit den Maßnahmen - „so retten wir Leben“. So kam es, dass wir aus menschenleeren Hallen flohen, und glückliches Asyl in Kneipen fanden. Es ist ein sehr reinigendes Gefühl, wenn man als eben noch böser Mensch sich hier wieder zu gutem Ansehen verhelfen kann. Frühs halb drei ins Hotel zurück.

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14. August, Darmstadt am Bahnhof

Der Bahnhof ist groß und leer. Nur wenn wir nicht da sind, muss er wohl voller Menschenmassen sein, deshalb Absperrbänder, Fußmarken, Linien, Warnschilder, man muss genau gucken, wie man sich bewegen darf. Unser Hotel hat die schönsten - geschlossenen - Frühstücksräume, so kommen wir jeden Morgen zum Bahnhof zum Bäcker. Wir, von Natur aus Distanzmenschen, uns gerne distanziert anstellend, werden von der Verkäuferin, ich weiß nicht warum, zum Gruß angegangen: „Abstand! Sie sind gleich dran!“ Die Frau vor uns bekommt ihre Brötchentüte, ist noch beim Geld sortieren, als uns die Verkäuferin über die Kundin hinweg zuruft: „Was wünschen Sie?“ - Christoph, der nicht gern schreit: Wir konnten die Sachen da vorne noch nicht sehen, vielleicht warten wir kurz … - „Bitte was? Ich kann Sie von da hinten nicht verstehen!“ - Wir konnten noch nichts sehen! Ich kann nicht so schreien! - sie jetzt sehr harsch: „So verstehe ich Sie nicht!“ - Christoph, um sie nicht zu ärgern, tritt einen halben Schritt näher, sie brüllt: „Abstand! Sie sehen doch, dass die Kundin noch nicht fertig ist!“ - Ja eben, wie sollen wir schon bestellen, wenn wir nichts sehen? - „Wir haben eine Pandemie! Da können Sie doch einen Moment warten! Ein bisschen Verständnis!“ - Zwei neue Kunden, überrascht, gucken von Christoph zu ihr, von ihr zu ihm, und, denke ich, bestimmt ohne Verständnis für uns Störer? „Ein bisschen Rücksichtnahme kann man doch wohl erwarten! Bin den ganzen Tag hier am Rennen!“ - Wegen uns doch nicht, gehen wir rüber zum andern Laden.

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Leipzig. Jetzt seid doch mal vernünftig!

Jetzt sieh dir doch das mal an! Wir bleiben fassungslos vor der lautstarken Menge am Rathaus stehen. Demonstranten ohne Abstände, ohne Maßnahmen. Wir haben tagelang feucht geatmete Keimlappen im Gesicht getragen, in menschenleeren Museumshallen, aller Übelkeit zum Trotz nicht frei atmen dürfen, zum Schutz anderer, wie wir uns in leeren Hallen einbilden sollten, während draußen unmaskierte Parties tobten. Während hier jetzt ohne Maßnahmen eine Masse auf dem Platz demonstriert. Sicher fürs Klima oder Rassismus. Das sieht man daran, ob es trotz Corona toleriert wird, oder, wenn’s Querdenker sind, wegen Corona verboten. Wie wir am Rand stehend ungehört in uns hinein schimpfen, hören wir’s voller Überraschung: gegen die zynischen Maßnahmen, gegen die irrsinnige Maskenpflicht, gegen Volksverblödung. Eine Querdenker-Demo, die toleriert wird?
Wir stellen uns dazu, ich zeichne, zwischen immer mehr Hinzukommenden. Bald sind viele hinter uns, gut gemeint zusammenrückend, fürs Wohlbefinden aber zu eng. Mir sehen schon Dreie beim Zeichnen über die Schulter und kommentieren. Die Redner rufen dazu auf, die vorgeschriebenen Abstände einzuhalten. Die einen, zustimmend, strecken die Arme aus für ein passables Abstandsmaß, andere murren, winken ab, weichen kurz, um gleich darauf wieder zusammen zu stehen. Ein paar mal das Prozedere: „Abstand! Jetzt seid doch mal vernünftig!“ Gelingt nicht. Es ist von Zahlen die Rede, Gesetzestext, Politiker werden zitiert, aus der Historie, Daten und Überlegungen, Ärzte und Rechtsanwälte dabei, als ein Raunen umgeht: Weil steht ganz außen am Rand eine Reichsfahne. Demonstranten rufen: „Nun nehmt doch die Fahne da weg! Fahne runter!“ Die freundlichen Gemüter machen aber nicht den Eindruck, dass sie wem handgreiflich eine Fahne herunter reißen würden. Auch Christoph und ich sind nicht von der Art, dass wir wem Fahnen aus den Händen reißen. „Packt doch mal eure Fahne ein! Was haben wir damit zu tun?“ Bis man aufgibt, lauscht weiter den Reden, die Fahne hinter sich nicht mehr beachtend. Wir lösen nicht die Demo auf, nicht, wie’s immer gefordert wird, sobald die falschen Leute dabei stehen. Es bräuchte immer nur jemand Falsches sich dazu stellen, um jede Demo der Welt aufzulösen. Da wir sie nicht auflösen, aber auch nicht handgreiflich vorgehen, gelten wir als Nazis. Da das nun so ist, versuche ich welche zu zeichnen: Die alte Frau in Blümchenbluse? Den Mann in Arbeiterstiefeln? Altlinke, die immer an den Mauerfall erinnern, die meisten hier um die fünfzig, oder dort Distingierte, oder Anthroposophen? Die Junge in der Hippie-Hose? Von der anderen Platzhälfte Trommeln und Gebrülle - was ist denn das? Der moderate Redner ist im Getöse gar nicht mehr zu hören. NAZIS RAUS! NAZIS RAUS! Wir recken die Köpfe, was los ist. Akustisch klingt alles in allem etwa so: … Personal immer weiter abge … - niedergebrüllt von: NAZIS AUFS MAUL! NAZIS AUFS MAUL! - … ziale Ungerech … - NAZISCHWEINE! NAZISCHWEINE! - … reno … Mediziner … - IMPFPFLICHT FÜR ALUHÜTE! - … kein Diskurs - NAZIS VERPISST EUCH! KEINER VERMISST EUCH! Christoph hat sich umgesehen: Polizei und Barriere. Der halbe Platz Antifa - daher das Gebrülle - ganz in schwarz, vollkommen Vermummte, keine Gesichter, schwarze Masken und Kapuzen. Und woher die Kaiserfahne kommt: Von zwei ganz Armen, das sind doch Säufer oder Obdachlose vom Bahnhof, kaum Zähne, schmutzig, sehen überhaupt nicht aus wie jemand, der demonstrieren würde, aber die Fahne ganz neu, wie frisch gekauft und eben ausgewickelt, die haben sie doch so nicht selber mitgebracht, und stehen ganz hinten am Rand - wie hingestellt? Ob sie überhaupt wissen, wofür sie die Fahne halten? - Eine Musiklehrerin mit Gitarre trägt einen nachdenklichen Song vor, überbrüllt von - NATIONALISMUS RAUS AUS DEN KÖPFEN! - Ein Musiker mit sehr lustigem Stück steckt uns an, bis auch unsere Seite klatschend und singend lauter wird, wenn auch kein Lied dem vernichtenden Brüllen standzuhalten vermag. Freundliche Abschiedsworte, der Hinweis auf nächste Demos in Berlin.

29. August, „Maske auf, Nazis raus, Antifaschistische Aktion

Hotel am Alexanderplatz. Frühstücksbuffet. Nach alter Normalität wie gewohnt, allerdings mit Maske, und jeder bekommt kleine Tüten, die er über den Händen tragen soll.
Querdenker am Nachbartisch, tragen die T-Shirts. Etliche andere auch scheinen nachher zur Demo zu gehen. Ob man uns das ebenfalls schon ansieht? Ein Paar witzelt über Masken. Polizei, eine ganze Kompagnie, ebenfalls beim Frühstück. Demonstranten und Polizisten, an derselbe Quelle gestärkt: haben Zimmer an Zimmer geschlafen, vom selben Brot gegessen, aus derselben Marmelade gelöffelt, stehen sich nachher als Fronten gegenüber. Die Polizisten selbst sind noch einmal zweigeteilt, die älteren durchwachsen: eine klein und hager, einer untersetzt, mit freundlichen Gesichtern. Die Jungen dagegen wie von anderer Art, Arme wie Starwars-Kampfeinheiten, flach im Ausdruck, eine neue Generation. Die ersten sind fertig, stehen in schwarzer, gepanzerter Rüstung vor dem Hotel.

10:30 Uhr soll es beginnen, unter den Linden. Immer der Menge nach! Humbold-Uni. Einige hier versammelt, in Absperrungen eingehegt, von hoch bewaffneter Polizei umringt. Polizei fängt uns ab und fragt, wo wir hin möchten. Wir sind irritiert: Die ganze Stadt ist auf den Beinen und man fragt uns, wo wir hin möchten? Dürfen wir irgendwohin nicht? Der Polizist, bis an die Zähne bewaffnet und breitbeinig vor uns aufgebaut, fragt: „Möchten Sie zur Demo?“ - Weiß nicht. Einige andere Leute, wie wir, wissen auch nicht, was sie wollen. Ich weiß doch garnicht, wofür die Gruppe da demonstriert. - „Das ist die Antifa.“ - Ach so, nein, ist offenbar die richtige Antwort, denn wir dürfen weiter, betrachten die eingezäunte Antifa: unkenntlich maskierte, düstere Gestalten - man hätte uns schon optisch nicht hinein gelassen, Schilder: „Maske auf, Nazis raus, Antifaschistische Aktion!“
In Frankreich muss man in der Tat schon im Freien Masken tragen. Weiter. Wo ist die andere Demo? - als wir wieder an eine Absperrung kommen, aufgereihte Polizisten. Ein ganzes Stück dahinter, hinter noch einer weiteren Absperrung Demonstranten, weit genug entfernt, um ihre Forderungen akustisch nicht zu verstehen und die Plakate nicht zu erkennen. Diesmal fragt Polizei nicht, wo wir hin möchten, sie erlaubt es gleich gar nicht. Es seien Zwanzigtausend angemeldet, die seien voll. Es hat noch nicht einmal begonnen! Wir weichen in Nebenstraßen aus, lauter einzelne Leute zu Hunderten, und suchen einen Zugang. Eine Querstraße nach der andern abgesperrt, man sieht und hört dahinter das Tosen von Leuten, die wohl schon rechtzeitig um acht da standen, als wir und Polizei noch beim Frühstück saßen. War’s das nun? Viele fragen ratlos, da zeigen uns paar Kundige: Doch! einfach noch eine Straße weiter, da hinten ist ein Zugang. Erst hinter der Friedrichstraße, unter polizeilicher Bewachung ein schmaler Zugang, das muss man wissen.
Wir gehen hinein, sind nun mit Tausenden eingekesselt.

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29. August, Berlin, Gefährliche Bunte

Unüberschaubar viele Demonstranten spazieren, Christoph und ich verweilen, schauen zu, um uns ein Bild von diesen gefährlichen Leuten zu machen, denen man sich auf keinen Fall anschließen soll, vor denen die Presse immer warnt. Ich zeichne. Fahnen: Amerika, Russland, Deutschland, Regenbogenfarben, Deutsches Kaiserreich, Frankreich, Türkei, Spanien, Schweden … Alte, Junge, Familien, Kumpels, Vereine … alle Dialekte, Schwaben, Hessen, Sachsen, Brandenburger, mit Koffern und Rucksäcken, Kinderwagen und Hündchen … ab und an Fremdsprachen, Russen, Asiaten, Schwarze, Indianer … afrikanische Trommler, Solo-Gitarren, Sänger … eine Gruppe mit bunten Wimpeln, Dreadlocks, langen Röcken, indischer Musik … Biker und Punkrock, Luftballon-Herzen, Blumen … Plakate: Love, Frieden, Freiheit, Schluss mit der Spahndemie, keine Maskenpflicht für Kinder, gegen Faschismus, Merkel-Diktatur, Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht … fröhliche Gesichter, auch wir versehentlich immer am Lächeln bei dem bunten Schauspiel, Diskutierende. Christoph und ich wollen die Demo kurz verlassen, da sind am Zugang Leute sehr aufgeregt. Ein Mann ruft in die Umstehenden, da sei die Antifa und jemand zusammengeschlagen und verletzt, die Polizei stehe drum herum und tue nichts, Leute haben helfen wollen. Ältere Frauen kehren vor Schreck um, zurück in die Menge. Tatsächlich steht die Antifa in der Querstraße, mitsamt Umzäunung, als hat die Polizei sie samt Gehege hierher einmal umplatziert. Einig wie Eisenstäbchen im Magnetfeld stehen sie auf die große, bunte Demo gerichtet. Es sind eigentlich wenige, wie ein kleiner Spitz, der einem grasenden Mammut einmal in die Flanke beißen will. Was soll der Zweck sein, alle Zugänge zu sperren und ausgerechnet im einzigen Zugang die Antifa aufzubauen? „Nazis raus!“, angeführt von einer jungen Frau, Schlachtrufe im Chor, dass sich die Stimmen überschlagen, eine Wucht und Entschiedenheit, von der die große, bunte Demo nur träumen kann. Mit eingezogenen Köpfen und pochenden Herzen schleichen wir uns vorsichtig vorbei. „Nazis raus!“ brüllen die vermummten Maskerierten auf die bunte Menge, auf uns.

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Nur ein paar Straßen weiter menschenleere Großstadt. Ein kleines Café bewirtet uns, natürlich nach Aufnahme unserer Adressen, und in so ausgesprochen hygienischer Stimmung uns einzigen zwei Gästen gegenüber, dass Christoph außer einem Getränk nichts bestellt, und ich beschämt über meinem Kürbis-Süppchen denke: Sag bloß nichts von Demo! Über den Platz große, abstandslose Gruppen schwarz vermummter Jugendlicher am Rennen wie Krieger aus Herr der Ringe, brüllend, anscheinend auf der Suche nach Zuschlagmöglichkeiten, mit schwarzen Tüchern vorm Gesicht, und was sie an Verkleidungen für hygienisch halten, ein uns bis dahin unbekannter Anblick, der Auftakt in eine neue Epoche?
Als wir zurück zur Demo kommen, ein überraschend anderes Bild als vorhin, keine schlendernden Bunten. Lautes Aufbrausen, Schimpfen und Buhen, eine Kampf-Einheit zwölf hoch bewaffneter Polizisten stürmt mit schweren Stiefeln an uns vorüber, einen gekrümmten Mann mit blutigen Kratzern im Gesicht in ihrer Mitte, führt ihn ab wie den gefährlichsten Schwerverbrecher. Leute weichen aus, verlieren und suchen sich. Kurz darauf wieder: Lautes Tosen, der nächste schwarze Polizei-Schwadron mit jemand Einverleibtes.

„Dies ist eine Durchsage der Polizei. Die Verordnungen des Infektionsschutz-Gesetzes sind nicht eingehalten worden. Die Versammlung ist umgehend aufzulösen. Alle Personen, die sich an diesem Ort aufhalten, begehen eine Straftat. Sie haben sich sofort zu entfernen.“, Buhen, suchende Blicke. Bewusst auf Abstand war man hier vorhin wirklich nicht, obwohl auch nicht eng, nicht wie auf Märkten, nicht wie nachts in Düsseldorf, eher völlig frei beweglich. Fahrräder sind locker durch gefahren. Diskussionen: „Warum sperrt man die Ausgänge? Warum hat man die Friedrichstraße abgeriegelt und lässt den Zug nicht, wie angemeldet, seine Runde ziehen? Wir werden doch zusammen gepfercht! Warum darf man in Clubs und Bars eng beieinander sitzen, aber sobald man demonstriert, ist unser Abstand nicht groß genug? Warum sind Zwanzigtausend hygienisch erlaubt, und Dreißigtausend nicht? Wir sind Hunderttausend! Wir sind das Volk! Wir sind der Souverän! Freiheit! Frieden! Wir sind friedlich!“ - „Sie verstoßen gegen das Infektionsschutz-Gesetz und begehen eine Straftat. Die Versammlung ist hiermit aufgelöst, alle, die sich an diesem Ort befinden, haben ihn umgehend Richtung Brandenburger Tor zu verlassen.“ Wir suchen die andere Straßenseite, geraten in einen Wirbel, mindestens ein Dutzent schwarzer Helme, erschrockene Blicke und aufgebrachtes Rufen: „Und Ihr wollt Freund und Helfer sein? Diktatur! Faschisten! Schämt Euch! Widerstand!“ Eine Menge umringt die Polizei, halb um zu gucken, halb um zu schimpfen, Nebel steigt auf, die Polizei sprüht Pfefferspray gegen die Leute, und wieder wirbelt alles an die Seite. Die meisten stehen nur herum wie wir und sehen entsetzt durch die Gegend, sogar manch Haudegen steht die Angst im Gesicht. Ein schwarzer Schwadron läuft Bahnen in die Leute hinein, greift jemanden hinaus, man weiß nie wen, man erkennt kein Prinzip, es kann jeden treffen. „Das ist Willkür! Wenn wir alle stark sind, wenn jeder mutig wäre, wenn alle gemeinsam, gegen Diktatur!“. Polizei-Schwadrone laufen immer wieder in die Leute, die stoben auseinander, drücken sich an die Ränder, entzerren sich hintenrum wieder, schwappen wie in einem Sog, wo Platz ist, hinter dem Schwadron her, der wendet und rührt die nächste Welle um … Vor, zurück, vor, zurück in ständiger Drohgebärde, aber ein Leerlaufprozess: Weder wird die Versammlung aufgelöst, noch die Demo fortgesetzt. Und wenn es wirklich um Infektionen ginge, hätte die Polizei lieber nicht alles aufwühlen sollen. (Die eingezäunte Antifa, ein fester Haufen ohne geringste Abstände, ist an den einzigen Zugang der bunten Demo platziert). Erst am Brandenburger Tor sehen wir alle noch friedlich, am Singen, Flyer verteilen und diskutieren.

Tage später erfahren wir, dass Polizei tatsächlich alle Ausgänge und den Zug durch die Friedrichstraße gesperrt, und dadurch Stau erzeugt hat, und als es nicht mehr möglich war, Abstände zu halten, die Demo verboten. Die eingepferchten Leute versuchten‘s dann mit Sitzblockaden. Es gibt Videos, die belegen, dass der Tumult noch bis abends so fortgeführt worden ist.

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29. August, Berlin, „Haben Sie den Verstand verloren?!“

Am Brandenburger Tor melden die Veranstalter von der Bühne: Leute, haltet die Abstände ein! Dann dürfen wir weiter demonstrieren! Verteilt euch im Tiergarten. Der ganze Tiergarten ist freigegeben!
Wir strömen in den Park, Tausende auf den Wegen zwischen den Bäumen, die ganze Straße des 17. Juni bis zur Siegessäule voller Menschen mit Hupen, Trommeln, Rufen und Applaus. Im Park schimmert der Reichstag durch die Bäume, recht viele Kaiserreichs-Flaggen, und hört man eine Bühne, von der jemand voll Wut auf die Regierung schimpft, nicht auf die Art der üblichen Querdenker-Reden, eher naiv. Wir gehen weiter, wieder auf die Straße des 17. Juni. Später werden wir lesen, dass es Attila Hildmann war.

Über die ganze Strecke des 17. Juni sind Lautsprecher verteilt, man kann sich mit viel Platz niederlassen, wo man möchte - manche mit Picknickdecken ausgebreitet, und jeder von überall mitverfolgen, was auf der Bühne an der Siegessäule verkündet wird. David Claudio Siber stellt sich vor, von den Grünen - etwas Applaus, aber mehr lachen und buhen, viele gucken betreten, als sie’s buhen hören, offenbar Grünenwähler.

Er erzählt, wie er sich gewünscht hat, dass seine Partei die wäre, die der Bevölkerung die Angst nimmt, wollte die Folgeschäden minimieren, hat Ende März wissenschaftliche Fakten gesammelt, mit Bundestag, Landtag und seiner Kreisebene diskutieren wollen, wurde öffentlich in seiner Partei als Verschwörungstheoretiker verleumdet, von den Grünen ausgegrenzt und stigmatisiert. Hat sich davon nicht unterkriegen lassen - Applaus - hat gefragt, aufgrund welcher Datenlage man die Gefährlichkeit des Virus einschätzen kann? Und immer stellte sich heraus, einzig und allein auf der Grundlage von Drostens Prognosen, über eine Millionen Menschen würden sterben. Es hieß, man habe die Bilder aus Italien oder New York. Jeder Einwand, den er aufgrund wissenschaftlicher Daten gemacht hat, wurde von seiner Partei mit Gelächter quittiert. - Buhen der Menge - Man habe gesagt, den Bildern aus Weißrussland, Schweden, China, Island könne man nicht trauen, den Bildern aus New York und Italien hingegen schon. Warum die Krankenhäuser leer sind, warum nicht zwischen Viruskontakt und Erkrankung unterschieden wird? Es hieß, man habe jetzt noch keine Daten, um die Gefährlichkeit einzuschätzen. Dass man bereits Daten habe, wurde quittiert mit Hohn. Die Bundestagsabgeordneten hätten versucht, ihn mundtot zu machen, es hieß, man habe Geheimdienst-Informationen aus 2011, die das Szenario beschreiben würden, das sich jetzt abspielt. In einem Meeting hätte er nur noch Zwischenrufe bekommen, konnte garnicht mehr sprechen und das Meeting wurde beendet. Hat 93 wissenschaftliche Fakten und Studien gesammelt, hätte aber nur Gegenargumente moralischer Natur bekommen.

„Meine Partei hat für den Lockdown gestimmt, allein auf Grundlage von Informationen eines Wissenschaftlers der Regierung, allein auf Grundlage von Hochrechnungen, die auf Schätzungen beruhen, welche schon zum damaligen Zeitpunkt widerlegt waren.“
„Niemals soll jemand vom Bündnis 90 die Grünen sagen, wir wussten nicht genug, wir konnten es nicht richtig einschätzen, wir konnten es nicht wissen, und hinterher ist man immer schlauer. Die konnten das wissen, ich hab’s ihnen zur Verfügung gestellt und selbst wollten sie es nicht wissen. Niemand wollte es wissen. Punkt!“ „ […] Mütter müssen bei der Geburt Maske tragen, es werden Menschen hingerichtet, in Afrika sterben 10 mal so viele Kinder an Malaria, weil wir nur aufs SARS-CoV-2 gucken, Deutschland holt Erntehelfer dicht gepackt ohne Abstand im Flugzeug nach Deutschland aus Rumänien. Haben Sie den Verstand verloren?!“ Viel Zustimmung, Tosen, Applaus.

Die Leute sind erleichtert, wie einmal Frische ins zugeschnürte Herz kommt. Wer nicht mehr stehen kann, sitzt auf der Straße, manche liegen auf ihren Picknickdecken. Es folgen weitere Reden, unter anderem eines Arztes, „Mutigmacher“, „Klagepaten“, für Kinder, und dass wir erst Ruhe geben, wenn eine neue Regierung gewählt wird.

- „Diese Regierung muss weg! Solange bleiben wir hier!“, dass einem Gänsehaut herunter läuft. Ob sie‘s ernst meinen?

Schon Abend. Wir schlendern weiter zuhörend die Straße wieder zurück, als die Stimmung immer heiterer wird, aus Picknicks werden Partys, die Bühne spielt Musik, Protest-Stimmung weicht Klamauk, immer mehr „Make love“ und Regenbögen, wird doch jetzt keine Love-Parade werden? Da tritt ein armer, älterer Mann mit rundem, ehrlichen Gesicht an uns heran - ein Schweijk - in der Warnweste eines Demonstrationshelfers, erzählt sehr aufgeregt: „Seit `89 habe ich sowas nicht gesehen! So viele! Sie müssen zum Reichstag! Gehen Sie zum Reichstag! Die Polizei wendet Gewalt an, hat alles aufgelöst, lauter Festnahmen! Und hier stehn die Massen und hören nur Gequatsche, das nehmen die da oben gar nicht ernst, da lachen die drüber! Hab ich alles erlebt!“

Wir schütteln ihn ab, denken eine Sekunde nach, bereuen, dass wir ihm ausgewichen sind - Was hat er gesagt? Was ist denn am Reichstag?

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29. August, Berlin, winkende Extremisten

Wir gehen Richtung Reichstag, bleiben aber im Park hängen. Alles weiträumig abgeriegelt, Polizei-Hundertschaften und ein Häufchen staunender Demonstranten an Barrikaden. Polizeihunde mit Maulkorb bellen und zerren an Leinen, unwillkürlich auferstandene Bilder aus längst verurteilten Zeiten. Man muss sich zusammennehmen: Ist schließlich kein KL, nur unerwünschte Demonstranten, ganz in der Ferne am Reichstag eine verhältnismäßig kleine Menge von Leuten - ein paar Hundert? Und einzelne, die nicht rechtzeitig davon gekommen sind, als die Barrikaden aufgestellt wurden, mitten unter Polizisten, können nun weder zum Reichstag noch zu uns, sehen uns über die Absperrung hinweg an, einer laut den Slogan rufend: „Schließt euch an! Schließt euch an!“ Man hat schon das Bedürfnis zu helfen, jedenfalls das Schulmädchen neben mir sieht sich hilfesuchend um, sehen alle still, gebannt auf die Hunde.
„Na, wir haben auch Hunde. Wenn so ein Tumult ist wie hier, sind die auch so verrückt.“ - „Quatsch, die sind doch extra so aggressiv gemacht, die sind angeheizt und gefährlich!“ - „Sowas noch nicht gesehen. Und die Leute waren friedlich!“ - „Guck mal! Guck mal! Da hinten Pferde! Polizei auf riesen Pferden!“ Ein paar schreiten dann doch zur Tat: Man könne hier durchs Gebüsch, dort sei doch offen, was steht man hier herum? Wir müssten zu den Leuten am Reichstag. Ein Junge steht am Gebüsch, sein Brötchen mampfend, als wir ungläubig den Trampelweg angucken, meint: „Was denn? Einfach da durch! Ganz einfach!“ Ein paar Leute kommen von dort, begeistert, selbst wie Kinder von einer Nachtwanderung: „Einfach quer durchlaufen! Aber schnell! Kommt immer Polizei durch und fängt Leute ein.“ - Wir sind so erstaunt über die Tatsache, wie Ernst zu Spielerei wird. Jemand macht den Anfang, weitere folgen, möchten nur sehen, was lost ist, denn es scheint historisch zu sein. Polizei guckt den Neugierigen, die sich besonders wagemutig vorkommen, zu. So kommen wir einigermaßen näher vor das Reichstagsgebäude, sehen fast nur Kaiserreichs-Flaggen versammelt. Es müssen sich sämtliche hier zusammen gefunden haben, während die Bunten auf der Straße des 17. Juni ihre Rede halten - Zwei völlig verschiedene Demos. Ganz abseits allein ein einziger Wagen mit Regenbogenfarben. Wir wenden uns ab, erreichen wieder eine Front schwer bewaffneter Polizisten, die eben dabei ist, uns mit Barrikaden weiter einzusperren. Sie lässt uns gerade noch raus, und den Regenbogenwagen dann auch noch, geschoben von einem jungen Mann mit traurigem, fragenden Blick, und noch einen Nachzügler, und noch einen … Rausgehen ist offenbar immer erlaubt.

Zurück zum Hotel. Später werden wir in Nachrichten sehen, wie wir die Demo eigentlich haben wahrnehmen sollen: „Sturm auf den Reichstag“. WELT zeigt ein Video: man sieht euphorische Leute die Treppe hoch laufen, einer ruft „Das ist Waaahnsinn!“, wer das sagt, ob ein Rechter, sieht man zwar nicht, die Reporterin nennt ihn so. Oben, vielleicht zwei Meter vor den gepanzerten Glastüren drei Polizisten, die vordersten Leute heben beschwichtigend ihre Hände: ein Dunkelhäutiger links hebt beschwichtigend die Hände, ein Bärtiger rechts und noch mindestens drei heben zur Beschwichtigung die Hände, versuchen mit den Polizisten zu reden, wohingegen die Polizisten schubsen und mit Schlagstöcken fuchteln. Reporterkommentar: „ … ist für die Polizisten eine Extremsituation. Nur drei stehen in diesem Moment vor dem Haupteingang, zwei jüngeren sieht man die Panik regelrecht an, dennoch versuchen sie die aufgebrachten Demonstranten zurückzuhalten. Ein dritter steht ganz ohne Helm da, nur mit Funkgerät, setzt zunächst auf energische Kommunikation.“ - schubst. Ein Demonstrant mit ausländischem Akzent ruft: „Ey, nicht schlagen!“, eine kleine Frau mit Rucksack hebt beschwichtigend die Hände. Der Polizist befiehlt: „Geh jetzt runter!“ - der Mann mit Akzent: „Keine Gewalt! Ich bin Journalist!“ - was den Polizisten nicht interessiert: „ … werde hier nicht diskutieren!“ - Es geht darum, dass die Leute nicht auf die Treppe dürfen. WELT

Wie kamen sie auf die Treppe?: Vor dem Reichstag eine Bühne, offensichtlich genehmigt. Von der Bühne eine bekannte Linke mit Dreadlocks, brüllt: „Wir gehen jetzt gleich da hoch und setzen uns friedlich auf die Treppe und zeigen Präsident Trump, dass wir den Weltfrieden wollen … “, Video, BILD.
Hier sieht man Leute die Treppe hoch, manche gemächlig stapfend, manche rennend, zuerst vereinzelte, gleich darauf viele, manche bleiben mittendrin stehen, drehen sich einmal um und winken. Die oben angekommen sind, stellen sich mit dem Rücken zum Eingang und schauen von oben herunter, wedeln die Fahnen, auch eine Türkische, halten Plakate, winken, recken die Handys hoch und fotografieren die Treppe hinunter. Einzelne gehen sogar schon wieder zurück, Aufnahme eines Demonstranten.
Diese „wütende Menge“ hätte, die drei Polizisten umrennen können, aber hat es nicht gemacht, wer weiß, etwa weil sie noch nicht fertig gewunken und fotografiert hat, oder mangels Idee, es zu tun? - wofür die Polizisten nachher auch ausgezeichnet worden sind. „RECHTSRADIKALE UND REICHSBÜRGER: Extremisten gelingt fast der Sturm des Reichstags“, WELT.

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30. August, Berlin, „Damit sich da nichts bildet“

Frühstück im Hotel. Wie gestern „Querdenker“ und Polizisten am selben Buffet. Letztere, anders als gestern, voll bewaffnet in schwarzer Rüstung, gepanzerten Stiefeln und Westen. Da ist man gerade aus dem Bett ... und so einer mit Waffe neben mir, der auch ein Brötchen will. Wie ist das, wenn man was sagt, ist das Beamtenbeleidigung? Frühstücken Sie grad im Dienst oder sind Sie bewaffnete Zivilisten? Wenn im Dienst: Prüfen Sie die Abstände der Hotelgäste beim Brötchenkorb? Wollen Sie die Versammlung der frühstückenden Hotelgäste auflösen? Und wenn in zivil, dürfen wir uns dann ebenfalls bewaffnen?

Einer sitzt mit Orangensaft, eine schmächtige Frau tritt an ihn heran, er, gestört, muss sich zu ihr umdrehen. Wenn er nachher auf Demonstranten los geht, dann weil er am Frühstückstisch nicht seinen Saft hat trinken können. Sein Kollege setzt sich dazu, übers Müsli gebeugt, bis ihn die Sache nicht kalt lässt, dreht sich ebenfalls um, sich mit gefalteter Stirn die Missionarin anhörend. Noch welche treten heran, und der Ehemann der Frau, einer vom Nachbartisch dreht sich hin - schon fünf, die auf die Polizisten einreden. Hoch professionelle Polizisten, mindestens so ruhig wie die Leute aufgeregt sind. Haben noch den ganzen Arbeitstag vor sich. Vielleicht sind sie deshalb bewaffnet, damit sie sich notfalls überhaupt Gelegenheit zum Frühstücken verschaffen können.

Und? Was machen wir heute? Na, wie angedacht, das Aquarium am Zoo besuchen. Und auf dem Fußmarsch dorthin sehen wir nebenbei noch, was die Demonstration heute macht. Kaum am Eingang der Straße des 17. Juni, ist Polizei dabei, schon wieder Barrikaden aufzubauen: „Hier geht’s nicht lang.“ - Ach? Eine so große öffentliche Straße? Und warum? - „Damit sich da vorne nichts bildet.“ - Klingt irgendwie nach Geschwüren. Wo sollen wir denn aber sonst lang? - „Sie können in den Park auf die Wege neben der Straße.“ - Nun gut, kaum auf dem gewiesenen Weg, steht dort schon wieder Polizei: „Kein Zutritt!“ - Doch, Ihr Kollege hat uns her geschickt, weil die große Straße zu ist. - Der Polizist, irritiert. - Und dort laufen doch Leute! - „Ja, wir können jetzt schlecht hinterher rennen und sie zurück holen, nicht?“ - Christoph: Und wenn ich da jetzt gehe, rennen Sie mir nach? - „Na, versuchen Sie’s doch!“ - Ach so, na, dann versuch ich’s mal - ein zweiter Polizist springt zur Stelle, Christoph gibt auf: Ich sehe, Sie sind bestimmt schneller als ich. - „Davon können Sie ausgehen. Ich befolge auch nur meine Befehle.“ - Eine Frau kommt dazu, guckt wie ein Lämmchen: Ich wollte nur Fotos vom Weg machen. Nur dort vorn hin, dürfte ich? Der Polizist wird weich, winkt sie als Ausnahme durch, ein Passant schließt sich an, als gehörte er dazu, Polizisten verwirrt, Christoph und ich spurten, Polizisten geben ganz auf, etliche Leute folgen.

Parallel auf der verbotenen Hauptstraße Leute. Verboten und doch nicht? Der Park voller Spaziergänger. Und an der Siegessäule dann hat sich doch tatsächlich „etwas gebildet“! Christoph ulkt: bunte Bläschen und Ekzeme, demokratisches Schuppengeflecht am Phallus des früheren Militärstaates. Helferlein und Antikörper sind schon zur Stelle, behelmt und schussbereit, um gegen den Pilzbefall vorzugehen.
Wir gesellen uns nicht direkt dazu, mit uns ist keine Schlacht zu gewinnen, bleiben wie einige zerstreute abseits am Rand, betrachten touristisch den Siegesengel, bemerken aber, wie Polizei Barrikaden hinter uns aufbaut. Will man uns etwa schon wieder einkesseln? Leute kommen nicht mehr hinein, ein ganzer Fußgängerverkehr sammelt sich davor, teils verärgert, wo sie sonst lang sollen, teils erstaunt, was los ist, stützt sich schaulustig auf die Barrikaden, wird dort geduldet. Und alle hier drin sind verboten? Und wendet man medizinische Maßnahmen gegen uns an?

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„Das ist eine Durchsage der Polizei. Achtung an alle Versammelten an der Siegessäule. Aufgrund von Verstößen gegen die Corona-Infektionsschutz-Verordung ist die Versammlung aufzulösen. Sie sind aufgerufen, den Ort um die Siegessäule zu verlassen. in Richtung Osten, Westen und Süden. Sollten Sie das nicht tun, begeben Sie sich in den Bereich polizeilicher Maßnahmen, das heißt, Identitätsfeststellung und Freiheitsberaubung …“ Christoph und ich haben Abstände von fünf Metern, um uns herum alles frei. Sicher sind nur die „Gebilde“ an der Säule gemeint? Wie wir verblüfft herumstehn und schon zehnmal in aller Deutlichkeit und Langsamkeit die Ansage gehört haben, wird uns klar: Doch, doch, es gilt auch uns! Aber welche Verordnung besagt, dass man im Freien auf öffentlicher Straße mehr als fünf Meter Abstand … ? Die Versammelten an der Säule sind durchaus enger beisammen, rufen allerdings zur Polizei herüber: „Sehen Sie doch mal hin! Wir sind doch auf Abstand!“ Ich sehe hin, kann sein, vielleicht - wer weiß denn, wer zusammengehört? Jedenfalls wollen sie durchaus die Verordnung einhalten. (Auf Videos sieht man später gut, dass große Abstände sind.)

Da meldet sich überraschend die Bühne. „Hallo ihr alle!“ - Jubeln. Es ist der Star der Querdenker, ein Schwarzer - „Wir melden spontan eine Demo bei der Polizei an. Gegen Rassismus! Die Demo ist eröffnet!“ - Jubeln und Trommeln. „Frieden! Freiheit! Frieden! Freiheit!“ Wir müssen schmunzeln: Ist Rassismus jetzt der einzig Grund, noch demonstrieren zu dürfen? Nein, so ist es nicht: Schon räumen Antikörper die Bühne, unter lautem Buhen der Menge: „Nazis raus! Nazis raus!“, jeder weiß, dass es garnicht darum geht - ein verzweifelter, instrumentalisierter Anti-Rassismus. Oh pass auf! Bin gerade am Notieren, ins Büchlein gebeugt, trappelt ein Antikörper-Schwadron mit dem festgenommenen Redner heran, wir springen zur Seite, ich sehe nicht: warum stürmen Antikörper in die Leute, gerade wo ich stehe? … ziehe den Kopf ein, fast umgerannt.

Später sehen wir auf Videos, was sich eigentlich zugetragen hat: Polizei führt den Redner ab, etwa zu zwölft in schwerster Rüstung einen völlig unbewaffneten, sicher nicht handgreiflichen in dünnem T-Shirt, wie mit Kanonen auf Spatzen geschossen, führt ihn am Zelt vorbei. Ein stämmiger Polizist, Skin-head, stößt einer älteren Frau, die‘s von hinten nicht kommen gesehen hat, so fest in den Rücken, dass sie zu Boden fällt, Leute sind entsetzt und schimpfen aufgebracht, Polizisten drücken den Redner an die Mauer und legen ihn umständlich in Handschellen, er, wenig beeindruckt, polemisch plaudernd in Entertain-Stimmung zum Kameramann, ja offenbar sogar amüsiert, wie der Narr im Theater. Dann wird er abgeführt. Zwölf gepanzerte Polizisten mit Narr, stoßen auf dem Weg einem ahnungslosen Mann in den Rücken, dass er stolpert, einem zweiten, dass er glatt hinfällt, genau dort, wo ich stehe. Der zuerst Gestoßene gibt dem Antikörper spontan einen Schubs zurück, schon aus der Distanz mehr ein schwacher Versuch - aber schwer bewaffnete Beamte sind äußerst reizbar - stürzen sich zwei von ihnen in die Menge, jagen den Mann wie einen Attentäter, der Sprengstoff gezündet hat. So sieht er aus: rotes T-Shirt, kurze Hose, Turnschuhe, Mütze, wie „der Nachbar von nebenan“, der morgens zur Arbeit geht, Steuern zahlt und Zeitung liest. Das war im Leben bestimmt seine erste Straftat überhaupt, fängt ja gut an, Link zum Video (13.5.2022 wieder rein geschaut: Video nicht mehr verfügbar).



Wer noch vorhat, sich einen schönen Tag zu machen oder vor dem Schlafengehen ist: Diese Seite bitte einfach überspringen. Einmal weiter blättern! Hier gibt es nichts zu sehn. Nur Freunde, die zuletzt, wie sie sagten, „entsetzt“ waren, wenn ich Maßnahmen in Frage stelle, und „betroffen“, über die Verwendung der Worte „Willkür“ und „Totalitarismus“, werden, denk ich, nicht so empflindlich sein, vermutlich eher Genugtuung dabei empfinden, wie unser „Freund und Helfer“ die Demokratie gegen Demonstranten verteidigt:

Ein Zivilist kauert am Boden mit etwa 20 schwer bewaffneten Polizisten um sich herum. Als er versucht, auf die Beine zu kommen, geht ein Polizist auf ihn los und tritt ihm noch im Gehen mit dem Knie ins Gesicht. Da das nicht genug ist, stürzen sich mehrere Polizisten auf das Opfer und halten es fest. Als besorgte Leute herantreten, schirmt Polizei das Verbrechen ab.

Ein Mann wird von Polizisten gegen eine Säule gedrückt. Obwohl er wehrlos ist und keine Anstalten macht, boxen sie ihn von hinten in den Rücken, dass er zusammenbricht und zu Boden fällt. Dort werfen sich drei Polizisten auf ihn drauf, einer mit dem Knie auf seinen Kopf, Gesicht auf die Steine gepresst, während sie seine Hände fesseln.

Am Fuße der Siegessäule liegt jemand ohnmächtig am Boden. Wer das Vorgehen der Polizei auf der Demo erlebt hat, wird sich nicht fragen, wie es dazu gekommen sein könnte. Polizei steht teilnahmslos um den Ohnmächtigen herum, eine Zivilistin, über ihn gebeugt, versucht, ihm Hilfe zu leisten, erstaunlicherweise immerhin toleriert. Ein Polizist ist sogar ebenfalls knieend, scheint helfen zu wollen, nur als weitere Zivilisten zu Hilfe kommen, ist das Maß offenbar voll, muss eine Frau sich, ohne Ansprache, harsch und in abfälliger Weise weg schubsen lassen.

Ein Bild, das mir am meisten weh tut: Ein Opi wird von mehreren Polizisten kopfrum geschleppt, völlig steif und schlapp, den kahlen Kopf knapp über dem Boden, und rücklinks, er könnte sich notfalls nicht mit den Händen abfangen, er kann nicht sehen, wie winzig die Distanz zum Boden ist, und wie sie im Gehen schwanken, kann er jeden Moment lebensgefährlich aufschlagen. Ein Arm hängt schlaff herab und schleift auf dem Asphalt. Sie tragen ihn an nur einem Bein und einem Arm, ansonsten am Hemd, solange es hoffentlich nicht reißt, das andere Bein hängt abgespreizt in der Luft herum und man sieht nicht, ob er überhaupt bei Bewusstsein ist. Mir stoßen automatisch die Bilder auf, wie Leichen in den KLn wie Abfall herumgetragen wurden. Leute schreien panisch: „SEID IHR NICHT MEHR GANZ DICHT ODER WAS !!!“ Man sieht im Video grad noch, wie er völlig emotionslos herunter gelassen wird und auf die Straße gelegt, wie die schwarzen Gestalten drum herum stehen, ohne nach ihm zu sehn.

Ein junger wehrloser Mann wird von vier Polizisten auf den Boden gedrückt und ruft immer „Hilfe! Hilfe! Hilfe!“

Diese und weitere Grausamkeiten besser nicht ansehen. Die Quelle füge ich hier unwillig mit an, für alle Freunde, die darauf bestehen, dass all das seine Richtigkeit habe: Rechtsstaat, polizeiliche Maßnahmen haben ihre Gründe, wer nicht spurt, der bräuchte sich nicht zu wundern. Ich glaube, das Problem wird nicht sein, ob sich wer wundert, vielleicht eher die Frage: Mit welchem Recht genau? Link zum Video

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Weiter bei unserm Schwadron: Stößt einen einzeln herumstehenden Mann grundlos zu Boden. Wir hören nur: „Heeey! Schämt euch! Schämt euch! Schämt euch!“, „Diktatur! Diktatur!“ „Uniformierte Befehlsaffen seid ihr!“ Leute filmen alles, versuchen die Taten genau zu dokumentieren, ob man einen der Beamten nachher belangen kann.

Ein sogenannter Querdenker spricht durchs Mikro: „Ich habe soeben eine neue Demo angemeldet! Setzt euch einfach hin! Wir müssen uns keine Sorgen machen! Bleibt alle ruhig und friedlich …“ - Das ist jetzt Methode: Nachdem geplante Demos von der Polizei willkürlich aufgelöst werden, macht man Gebrauch davon, eine spontane Demo anzumelden, und wenn die aufgelöst wird, die nächste spontane, eine nach der andern, dass es schon komisch ist.
Die Menge wird immer aufgebrachter.
Sieh mal! Am Abhang der Siegessäule! Polizisten scharwenzeln zwischen den Sitzenden, begutachten die Abstände, beugen sich zu einzelnen herunter, ohne langen Prozess, nehmen zu viert eine ältere Frau hoch, tragen sie davon, so rüde, dass sie halb aus ihrem Kleid heraus rutscht, in Schlüpfer mit nackten Beinen, strampelt ein paarmal, ohne das Geringste damit ausrichten zu können, wird vor einem Polizei-Auto auf die Straße gelegt, mehrere Polizisten hocken sich auf sie drauf. Wir sehen nicht mehr viel, nur dass plötzlich nahstehende Leute vom Abhang der Siegessäule hinzu laufen, extrem aufgebracht, wie um dringend in Not zu helfen, ein Verbrechen muss wohl geschehen sein, wer könnte da ruhig zusehen? Wir, mittlerweile recht neben uns, laufen ebenfalls hinzu und etliche andere. Ein fernerer Polizei-Schwadron sieht uns alle zu Hilfe laufen, nimmt die Beine in die Hand, um unser aller Herr zu werden, schirmt die Stelle des Geschehens gegen uns ab.

Später sehen wir auf Videos, was genau die Leute so aufgebracht hat: Mehrere Polizisten hocken auf der Frau, sie kann sich nicht bewegen, schreit laut und wird mit nackten Knien auf den Asphalt gedrückt, die Polizisten zerren an ihr herum, einer boxt ihr mit der Faust fest ins Genick, mehrmals. Als Leute aufgeregt schreiend herbei eilen, um ihr zu helfen, baut sich viel Polizei drum herum auf, um das Verbrechen abzuschirmen. Link zum Video 1
Link zum Video 2
Die Stellungnahme der Polizei wird später so lauten: Die Frau habe getreten und versucht zu beißen, die Polizei sei unverletzt geblieben. Mit Verlaub: Panzerwesten, Panzerstiefel, Helme, Handschuhe, Waffen …

Die Reaktionen aller, denen ich’s erzählt habe: Die Frau hat da auf der Wiese gesessen, was nicht erlaubt war, und brauche sich nicht zu wundern, Rechtsstaat, Demokratie, wer weiß was sie sonst noch gemacht hat - bei solchen Maßnahmen muss sie ja was gemacht haben. Aber was soll die Frau um die 60, unbewaffnet, ungerüstet in Sommerkleidchen, gegen vier solcher Männer ausgerichtet haben, dass sie, völlig unbeweglich auf den Boden gedrückt und schreiend, noch ins Genick geschlagen werden soll?

Ein weiteres Video dokumentiert, wie Polizisten eine schwangere Frau festhalten, die am Boden kauert. Es sieht so aus, dass sie mit ihr reden, bis einer sie am Kopf auf den Boden drückt. Nichts deutet darauf hin, warum man ihren Kopf auf den Boden drückt, keine Bewegung von ihr, kein erkannbarer Sinn. Sie liegt am Boden und wird irgendwie weiter drangsaliert, wehrt sich keineswegs, Leute, sehr aufgebracht, schreien: „Guck doch mal hin, Mann! Sie ist schwanger!“ „Ey sag mal geht’s noch!? Lasst jetzt die Frau los! Sie ist schwanger, Mann!“ - ein Polizist: „Ja, haben wir verstanden.“ - „Aber ihr mährt doch immernoch da rum!!“ - Polizisten schirmen die Tat ab, damit die Leute nicht helfen können. „Ey, Alter!“ „Lasst sie in Ruhe!“ „Das geht viral!“ „Schämt euch!“ „IHR KÖNNT SIE DOCH NICHT AUF DEN BAUCH DRÜCKEN!“ - die Frau schreit fürchterlich, hat die Arme von sich gereckt, der Mann, der den Film macht, sagt noch: „Ich hör jetzt auf, das ist zu heftig...“, bricht das Video ab. Im Grunde ist Filmen und Beweisen die einzige Möglichkeit sich zu wehren, wenn sie auch dem Träger selbst weh tut.
Link zum Video

Laut Stellungnahme der Polizei ist die Frau durch eine Absperrung gestiegen und hat sich gegen Polizisten gewehrt. Diese Szene spielt im Park, wohin auch uns die Polizei nachher unfreiwillig abdrängen wird.

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Polizei spricht einzelne an, auch Christoph und mich, wir sollen in diese Richtung den Platz verlassen. Doch dort sind die künstlich zusammengedrückten Menschenmassen, ein Durchkommen ausgeschlossen. Welche Bewandtnis hat es, uns ohne Not auch noch mit hinein zu drücken? Die Barrikaden werden nachgerückt, wir immer enger zusammen geschoben von einer Polizei-Wand verschränkter Arme und Ellenbogen, so eng standen wir zuletzt im überfüllten ICE, dass einer dem andern ins Gesicht atmet, für eine missgünstige Presse die perfekten Bilder, wie wir gegen die Abstände verstoßen. Wenn eine Seuche wäre - und mancher hier nimmt sich durchaus in Acht. Interessant, dass Polizei, wie man sieht, gar keine Befürchtungen hat. Deutlicher kann man nicht machen, dass es zu keiner Zeit wirklich um Infektionsschutz ging. „Vorrücken! Räumen Sie den Platz! In den Park!“ befielt die Polizistin hinter mir - Wir sind ja dabei! Ich kann schlecht über die Köpfe springen! - „Schon gut“, räumt die Polizistin ein, während sie uns weiter schieben. Soll jemand stürzen, Massenpanik?

Töne von der Siegessäule: „Neeehmt die Helme ab! Neeeehmt die Helme ab!“, Klatschen im Takt. Wir werden in den nächsten Abzweig zum Park geschoben, nutzen die erste Gelegenheit, uns wieder zu entzerren. Vom Platz weg, verstehen wir nicht ganz, warum wir immer noch weiter sollen. Spaziergänger laufen durch. Ein Polizei-Schwadron formiert sich zu einer Raupe und läuft direkt in die Leute hinein, rempelt sie an, dass sie durcheinander stolpern, die Angehörigen verlieren, sich suchen und schimpfen: „Schämt euch!“, „Wollt ihr etwa die Impfpflicht? Wollt ihr Versuchskaninchen sein für Genmanipulation?“, „Habt ihr Kinder? Unser Kind kommt weinend aus der Schule, weil es die Maske nicht tragen will!“, „Kennt ihr Pfleger? Meine Freundin ist Krankenschwester und jetzt in Kurzarbeit!“, „Ich bin arbeitslos geworden. Und ihr verbietet uns zu demonstrieren! Wir haben euch mit Steuergeld bezahlt!“, Polizisten unbeeindruckt.

Der Schwadron läuft Schlangenlinien immer in die Menge, schlängelt unberechenbar hin und her, dass keiner weiß, wohin, macht eine Schleife, kreist Leute ein, schlängelt weiter, entlässt die konfus Herumblickenden wieder aus ihrer Mitte. Leute schimpfen ratlos: „Was wollt ihr? Die Siegessäule ist da vorne!“ Ein junger Mann singt etwas, das ist der Anlass für einen Polizisten, handgreiflich auf ihn loszugehen, ein Kollege hält ihn gerade noch zurück, dass er nur schimpfen kann: „Keinen Respekt vor dem Amt, oder was?“ - Christoph: Für diese Aktion hier wollen Sie noch Respekt? - Der Schwadron zieht ab. - Zieht ab? Fragende Blicke. Der junge Mann, der gesungen hat, plappert fröhlich: „Hab ich’s geschafft! Ich hab dem das Star-Wars-Lied gesungen. Man muss die Typen emotional erwischen. Vielleicht mag der Darth Vader!“ - Was? - „Na, Darth Vader mit dem schwarzen Helm! Vielleicht ist das sein Vorbild! Ich singe ihm das Lied und schon wird der schwach!“ - Aha. - „Ich bin aus Leipzig und …“ - Ah, Sie auch? Wir sind auch aus Leipzig. - „Echt? Cool!“ - Wir wollten eigentlich das Aquarium besuchen.

Leute von überall her, wie gestern viele Schwaben, Bodensee-Dialekt. Wie sie in Plauderei verfallen, steuert schon wieder ein schwarzer Schwadron auf uns zu und treibt es so weit, dass immer mehr geschimpft und geflucht wird, okkupiert mit seiner Schlängelei die gesamte Wegbreite, drängt Leute ins Gebüsch. Aber wo ist denn Christoph auf einmal? Wo ist denn … ? Ach Gott! Zwischen Gebüsch vor einer Front bewaffneter „Darth Vaders“, wie er dort herum geschoben wird. Sollten sich schämen, einen zierlichen Philologen von der Uni, nach lebenslanger Arbeit auf diese Art ... Polizei ist nichts zu peinlich.

Ein Mann ruft: „Ich melde hiermit eine Spontandemo an!“ - Schon wieder eine? - „Ordner gesucht! Haben wir einen Anwalt unter uns?“ - ein Anwalt wird gefunden - „Teilnehmer! Wer will teilnehmen?“ - Leute kichern, machen aber Ernst. - „Hände hoch, wer demonstriert! Gut! Alle Demonstranten, haltet euch an die Verordnungen! Abstand! (Auf dass es diesmal nützen könnte.) Die Polizei muss uns jetzt schützen!“ - Die denkt nicht dran, drängt uns immer weiter in den Park hinein, formiert sich schließlich als Mauer quer über den Weg, wo sie stehen bleibt.

Stehen wir jetzt alle hier herum. Männer reden auf die Polizisten ein: „Nehmt doch mal den Helm ab, wenn wir miteinander sprechen!“ - „Tut mir leid, aber das ist zu unserem Schutz.“ - „Schutz? Vor wem denn?“ - „Ein Kollege wurde gestern verletzt“ - „Echt, ja?“ - der Polizist nickt bedeutungsvoll. Ein anderer Mann, aufgeregt, zu anderen Polizisten: „Habt ihr Kinder? Habt ihr Kinder?“ - ein Polizist nimmt das Visir hoch, nickt - „Ich auch! Meine Tochter ist grad in die Schule gekommen. Hast du eine Tochter?“ - „Einen Sohn.“ - „Ah ja, und wie erklärt ihr das euren Kindern? Dass man die Demokratie mit Notstands-Gesetzen ausgehebelt hat?“ - der Polizist lächelt freundlich, spricht zu leise, wir hören nichts.

Eine Frau lachend zu einer anderen: „Ach schön! Habe hier so viele Leute kennengelernt. Mit manchen hätte ich mich sonst nie unterhalten. Aber man muss ja nicht immer einer Meinung sein, nicht?“
Die meisten haben sich verflüchtigt. Wir sind vielleicht noch 20, die vereinzelt ins Plaudern geraten sind. Spaziergängergruppen und Fahrradfahrer. Eine verdünnte Polizei-Schlange, schaukelt sich mit vor Kraft schwankenden Schritten, mitten hindurch, aber man lässt sich nicht stören, rückt einfach immer einen Schritt zur Seite und plaudert weiter. Christoph sieht’s einmal nicht im Rücken, wird angerempelt und beschwert sich. Eine kleine Frau, schlichtend: „Immer ruhig bleiben. Nicht provozieren.“ - Provozieren? Der hat mich von hinten angerempelt! - „Ja, aber wenn wir jetzt provozieren …“ - Ich provoziere niemanden! Der sieht doch, dass ich hier steh! - „Psst! Meine Freundin arbeitet auch bei der Polizei und erzählt immer, wie sie abends nach Hause kommt und will den Job gar nicht mehr machen, hat aber Familie, Kinder, und kann jetzt nicht einfach kündigen. Was soll sie denn machen?“ - Tja, andere sind jetzt auch arbeitslos. Und dürfen nicht mal demonstrieren. - Die Polizei-Schlange wieder um uns herum, nur noch halbherzig am Tandeln, der Vorderste mit schläfriger Unlust in ironischem Singsang lächelnd „Versammlung bitte auflööösen, alle entfeeernen ... Geht doch nach Hause“, gelangweilt im Slalom um uns herum - „Ja, am 1.8. war das mit der Polizei so ähnlich …“ - Waren da auch so viele Leute? - „Nein, nein, also schon sehr viele, aber gestern waren bedeutend mehr.“ - „Na, von der Siegessäule die gesamte Straße bis zum Brandenburger Tor und dahinter noch weiter.“

Wir hören Trommeln und Jubeln von der Siegessäule. Sind die Leute dort immer noch zugange?

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Wir gehen eine Ecke weiter, Polizei nimmt keine Notiz mehr davon, geraten wieder an den Platz der Siegessäule. Menschen so weit das Auge reicht! Trommeln, Rufe, tosender Applaus, da kommt etwas den Weg angerauscht, eine ganze Gruppe bunter Leute, so schnell, dass ein Luftzug weht, unter Pfeifen und Rufen: „KEN-NE-DY! KEN-NE-DY! KEN-NE-DY!“
Robert Kennedy! Soll gestern schonmal aufgetreten sein. Den Mikros ist der Strom abgeschaltet worden. Jemand meldet durch den Trichter: Es sei gerade wieder eine neue Demo angemeldet worden. Dann ein zittriges, leises Stimmchen, wir sehen Kennedy, auf eine Mauer gehoben, über den Köpfen der Leute in den Trichter reden, verstehen aber nicht viel, ist zu leise, pharma, google, vaccines. Man wird es später im Internet finden. Mancher hängt in einem Baum, um‘s zu filmen. Viele sitzen auf dem Asphalt mit Proviant und Decken, offenbar, anders als wir, von Polizei noch ganz unbehelligt. Wir rücken näher, um hören zu können. Waren gestern über die gesamte Strecke Lautsprecher aufgestellt, um beliebig viel Platz zum Hören zu haben, wurde nun der Strom entzogen, worauf folglich so nah wie möglich an den leisen Sprecher heran gerückt wird. Alle polizeilichen Maßnahmen bisher liefen auf engere und mehr Kontakte hinaus, als wie man ohne Zutun gehabt hätte. Zufall? Dann müsste doch wenigstens eine einzige Maßnahme zufällig auch mal zu weniger Kontakten führen.
Kennedy spricht. Rundherum, auch von hinter uns Applaus - haben die Leute Ohren wie ein Luchs? Applaudieren sicher nur als Echo, wenn die Vornestehenden den Ton angeben: Werden schon wissen, warum jetzt zu klatschen ist. Jetzt muss er wohl fertig sein, denn er ist weg, kurz darauf rauscht wieder eine Gruppe wie der Wind an uns vorbei - Kennedy von zwei Begleitern untergehakt mit größerem Gefolge, unter lautem Beifall. Einzelne rennen hinterher, durch Büsche wie Hasen über Stock und Stein, um einen Blick zu erhaschen, ein Star!

Jemand spricht wieder durch den Trichter - ist das nicht ... ? Bodo Schiffmann! Auch seine Rede verstehen wir nicht. Dies sei eine angemeldete Demo, übertönt von: „ … Polizeidurchsage. Dies ist eine unerlaubte Ansammlung …“ - Alle singen gemeinsam: „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland …“ - „ …Verstoß gegen das Infektions-Schutz-Gesetz. Verlassen Sie umgehend den Platz …“ - „Brüderlich mit Herz und Hand …“ - Hinter uns wieder Polizei in Stellung, hat mal die Helme auf, mal wieder herunter, wieder auf, Durcheinander in der Befehlszentrale? - „ … blühe deutsches Vaterland …“ - Als das Lied beendet ist, spricht wieder Herr Schiffmann, von der Erhöhung heruntergekommen, geht in die Leute, in seinem typisch kaustischen Ton: „Die Polizei möchte unsere Demo auflösen, gut, dann lösen wir sie jetzt mal auf, kommen danach wieder und setzen uns alle wieder hin. Wir gehen jetzt einmal in den Tiergarten, frische Luft schnappen, Spazierengehen ist gesund!“ Tausende fröhliche Menschen machen sich auf, von der Siegessäule weg, die Polizei, die hinter uns den Abschluss gesichert hat, ist plötzlich zur Stirnseite geworden, schreitet nun an der Spitze vorneweg, andere Trupps nebenher, hinterher, ein lustiger Anblick. Trommeln, glückliche Gesichter, „Frieden! Freiheit! Frieden! Freiheit!“

Die Menge biegt nach links, verschwindet als großer bunter Wurm im grünen Dickicht der Bäume im Park. Als wir folgen, sind alle irgendwo aufgeteilt, Herr Schiffmann hat fliehen müssen, wie wir später im Internet erfahren:

„Interview im Gebüsch“. Er hockt im Strauch, aufgeregt, wie man ihn garnicht kennt. „Hier wird eine aufgelöste Versammlung gejagt.“ - Im Hintergrund Trommeln und Getöse - „Wir gehen weg von dem Versammlungsplatz, wir haben uns aufgeteilt, es gibt riesen Abstände, es gibt überhaupt keine Verstöße gegen irgendwas und die Polizei rennt in Kampfmonitur hinter den Menschen her […] Ich bin kein Held, ich bin Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Ich würde nicht mal falsch parken […] Ich weiß nicht, was in diesen Polizisten vorgeht. Ich hab das ja sachlich erklärt, ich hab sie auch noch hingewiesen auf ihre Remonstrationspflicht, das ist kein Recht, das ist eine Pflicht, und diese Pflicht ist entstanden eben wegen den Mauerschützen, das heißt, die haben auch gesagt, ich hab nur abgedrückt, weil ich einen Befehl hatte. Das hat sie vor Gericht nicht geschützt, sondern es wurde ihnen Totschlag oder Mord ... im Prinzip wurden sie wirklich dann auch entsprechend verurteilt. Dafür wurden diese Gesetze geschaffen. […] Ich bin kein Held, ich bin jemand, der die Wahrheit sagt, ich hab garkeinen Bock mich mit irgendjemandem zu prügeln, ich habe mich mein ganzes Leben nicht geprügelt. Ich will das nicht, das ist nicht meine Welt. Ich bin jemand, der mit dem Kopf arbeitet, und der irgendwo versucht und denkt, dass man über den Verstand Sachen erklären kann, und ich appeliere an die Vernunft der Menschen, und statt dessen muss ich sehen, dass meine Polizei, mit der ich jahrelang als Rettungs-Assistent, als Notarzt zusammengearbeitet habe, dass die hier Menschen durch den Tiergarten jagt.“ Link zum Video

… falls man Tausende, in Hundertergruppen durch den Park strömend, als aufgelöst bezeichnen kann. Wir allerdings wurden nicht gejagt. In unserer Gruppe zwei afrikanisch trommelnde Trommler, einer singt: „Jeder Mann! Und jede Frau! Nimmt die Maske ab, zeig mir dein schönes Gesicht, zeige mir dein Lächeln! Jeder Mann! Und jede Frau! …“, bis wir zu mehreren mitsingen, die Melodie von einem afrikanischen Lied, den Text nach Eigenkreation, wie er uns erzählt: „Zugegeben, etwas holprig, aber ist eben nur von mir“, lacht er.

Viele Spaziergänger, Leute beim Picknick und Ball spielen, sehr große Gruppen, zu zehnt, zu zwanzig, mit deutlich weniger Abstand als wir, natürlich keine Masken, nur sie dürfen das, solange sie mit ihrem Picknick nicht demonstrieren, blicken verständnislos auf unsere Prozession: „Gegen Maskenpflicht, gegen Impfpflicht und kapitalistische Ausbeutung“ - ist eben nicht jedermanns Sache. Wir sind im Alltag immer noch eine Minderheit, „Covidioten, Gefährder, Verschwörungstheoretiker, Nazis, Aluhüte“. Insofern ist alles noch demokratisch: Mehrheitsprinzip, nur dass bis vor Kurzem Minderheiten, und seien‘s „Irre“, haben geschützt werden sollen.

Am Rand im Gebüsch und über den Weg schon wieder Polizei, hat jemanden im Griff, dass unsere Gruppe schwatzend stehen bleibt, als wollte sie sich nebenbei ausliefern. Dem Polizisten ist das nicht so recht: „Weitergehen! Ist nur eine Festnahme! Na los, weiter!“, will uns offenbar garnicht haben.

Oje, so spät schon? Wir wollten doch ins Aquarium! So kam es, dass wir statt das Aquarium zu besuchen, in eine Demo hinein gezogen worden sind. Abends Heimfahrt.

7. August:
„Die Bundesregierung hat die Gewalt gegen Demonstranten in Weißrussland scharf verurteilt. Man habe ‚großen Respekt‘ für die Tausenden Weißrussen, die am Wochenende für Demokratie und ihre Bürgerrechte demonstriert hätten.“ dwn

14. September, München, „Lassen Sie mich.“

Schloss Nymphenburg. Hier ist es! Ist es hier? - Delphine Seyrig, elegant am Geländer der Treppe lehnend, in träumerischer Hingebung: „Lassen Sie mich.“

Ein Park, als läge einem die Welt zu Füßen. Wozu bloß hat der Thronerbe solche Flächen gebraucht? So weit das Auge reicht, Wege wie Straßen, Skulpturen in der Reihe, rechteckige Wiese und Wasser, man sieht nicht, wie weit, wohin, einfach immer in die Ferne, das ganze Ensemble umrahmt von Wald, der in solchen Breitendimensionen niedrig erscheint, Raben, ein weiter Hall, Licht wie bei Claude Lorrain.

Unter der Doppeltreppe der Eingang, man sieht durch die Scheibe Souveniers und Bücher, entdeckt das Schild: Nur Ausgang, oh, sicher wegen Corona. Einmal ums Gebäude herum. Im Eingang fragt ein Aufseher mit zusammen gezogenen Brauen über der Maske, was ich hier möchte. Ich ziehe auch die Brauen zusammen und frage: Ach? Ist das Schloss nicht zu besichtigen? - „Doch, aber mit dem Gepäck können Sie hier nicht rein.“ - Natürlich, wir wollten es auch einschließen. - „Die Schließfächer sind gesperrt wegen Corona.“ - Ach, könnten wir die Sachen dann vorn bei Ihnen abgeben? - „Nein, das ist nicht möglich. Lassen Sie die Sachen besser im Auto.“ - Aber wir haben kein Auto!

Aus Scheu vor den Masken haben wir auch die Bahnen gemieden und sind geschlagene zwei Stunden durch München zu Fuß. Zum Malen und Studieren mit Büchern, Papieren, Farben, Laptop, wegen dem wechselhaften Wetter Pullovern und Regenjacken, und damit wir nicht schleppen müssen - Trolley. Jetzt sind wir hier und heißt es: „Tja, dann vorn auf dem Hof stehen lassen. Nur kann man dann natürlich für nichts garantieren.“ - Das Gepäck stundenlang draußen? Meint er nicht ernst? - „Naja, oder Sie gehen einzeln nacheinander rein und einer bleibt immer draußen.“ - Ach so, ich warte da drei Stunden, bis Christoph das Schloss besichtigt hat, und danach wartet er drei Stunden bis ich ... so lang ist doch gar nicht geöffnet. Außerdem: als Paar im Urlaub getrennt ein Schloss besichtigen? - Christoph kommt dazu und guckt fragend. Ich versuche, zu erklären: Die Schließfächer sind gesperrt. - Die Schließfächer? Warum das denn? - Wegen Corona. - Was haben denn Schließfächer mit Corona zu tun? - Na, man könnte sich doch vom Schließfach anstecken. - Der Aufseher stimmt ernsthaft zu: „Ja eben, damit sich keiner infizieren kann.“ - Auf die Idee ist noch kein Museum gekommen. Woanders liegen jetzt lauter Tote in der Schließfach-Abteilung und haben die Krankenhäuser keine Kapazitäten, weil jemand ein Schließfach benutzt hat.

Im Park ein Schloss-Café, wobei montags geschlossen. Montags sind alle Museen geschlossen, außer dieses Schloss - ist geöffnet, aber sein Café geschlossen.
So kam es, dass wir nach stundenlangem Fußmarsch vor geschlossenem Café standen und auch ins Schloss nicht eingelassen wurden. So lesen wir wenigstens die Web-Seite:

Willkommen in Schloss und Park Nymphenburg in München
Aktuelle Hinweise / Coronavirus
Schloss Nymphenburg und das Marstallmuseum mit dem Museum „Nymphenburger Porzellan“ sind für Besucher zugänglich; die Personenzahl ist jedoch begrenzt. Führungen und Gruppenbesuche sind aktuell leider nicht möglich.
Bitte rechnen Sie mit möglichen Wartezeiten und Einschränkungen wie geänderten Wegeführungen oder Raumschließungen.
Für Familien gibt es Entdeckerbögen zur kindgerechten Erkundung des Marstallmuseums.
Garderoben/Schließfächer stehen derzeit leider nicht zur Verfügung.
Die Schlosskapelle muss leider geschlossen bleiben.
Im Schlosspark Nymphenburg können die Amalienburg und die Badenburg besichtigt werden (begrenzte Besucherzahl); Führungen finden derzeit nicht statt.

Die Pagodenburg und die Magdalenenklause müssen leider geschlossen bleiben, ebenso die Ausstellung „Friedrich Ludwig von Sckell und Nymphenburg“ im Geranienhaus und die historischen Pumpwerke in den Brunnhäusern; hier wäre es nicht möglich, die teils engen Räume zugänglich zu machen, ohne die Gesundheit von Besuchern und Mitarbeitern zu gefährden.
Für den Besuch all unserer Sehenswürdigkeiten gelten die bekannten Hygiene- und Verhaltensregeln.
Hier finden Sie Hinweise und FAQ zur Besichtigung/ Schutzmaßnahmen zur Eindämmung von COVID-19.

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15. September, Dienstag, „Nur Wegerecht“
Weg durch München. Christoph steht vor einem Brunnen und notiert die Inschrift: "Panta rhei...". Ein Mann kommt auf ihn zu, will etwas Unverständliches. Christoph, nicht interessiert, mit abweisender Handbewegung, schüttelt den Kopf, will weiter schreiben, als der Mann nicht locker lässt: Man dürfe sich hier nicht aufhalten, das hier sei privat, hier sei nur Wegerecht, Durchgangsrecht. Jetzt erst sehen wir ihn an: ein Aufseher. Wir wechseln sofort die Straßenseite. Stellt einer mitten in der Stadt an einer großen Straße einen Brunnen auf, damit keiner davor stehen und die Inschrift lesen darf? Und ist nachher die ganze Stadt privat, darf man dann nur noch laufen und nie mehr irgendwo kurz stehen?

Passt zu Corona, denn wie beschrieben, darf man sich in manch Museum nicht setzen, und eilt an dem ein oder andern Schatz vorbei, weil man nicht mehr stehen kann - immerhin ist in Museen das Stehen noch erlaubt, solange sich nicht nachher Drostens Aerosole dort ansammeln und man nur noch laufen muss?

Und passt’s zur neuen Sitzkultur, immer mehr Cafés nur noch mit Höckerchen und Bänken ohne Rücken-Lehne, damit der Gast recht hart sitzen muss - eine katholische Kirchenbank ist bequemer - nur kurz austrinken und runterschlucken, damit Platz für den nächsten ist. Nicht mehr Zeitungen lesen, rauchen verboten. Schnell, schnell, schnell.

Und passt’s zu den Bahnfahrten, wo Speisewagen kaum noch funktionieren, Reservierungen meist ausfallen, alles durcheinander rennt und sich gegenseitig dreimal hoch scheucht, Gepäckwagen abgeschafft sind, und man die Beine auf den Sitz kauert, damit der Koffer Platz hat, und alle Orte hinter Schallschutzwänden verschwinden, oder Gleise durch Berge und Tunnel hindurch - aus dem Fenster garnichts mehr zu sehen - man ohne Essen und Ruhe nur noch transportiert wird, so getaktet, dass man zum Anschlusszug rennen muss oder ihn verpasst.

Im Lehnbachhaus Ruhe, römischer Landhausstil, düstere Interieurs, merkwürdiges Familienselbstporträt. Jugendstil, Impressionismus, Kandinsky, Marc, Klee, Münter, Sperl, Trübner. Riemenschmidt hat einen Heiligenschein um einen Baum gemalt, einen hieligen Hain in feierlichen, satten Farben, dekorativ gerahmt und mit der Inschrift versehen: „VND GOTT DER HERR PFLANZTE EINEN GARTEN IN EDEN“.



Ich sah noch keinen die Maske auf die Art tragen, wie medizinisches Personal es immer gelernt hat. Die alten Vorstellungen von Hygiene sind völlig überholt. Die überzeugtesten Maskenträger, stets entrüstet über unsere Einwände, haben wir die Maske nach neuester Art tragen sehen: unabhängig von Maskenbeschaffenheit und -zustand, ob transparente Tüchlein, begrabbelt, nass geschwitzt, mit Allergenen gewaschen oder fluffig am Herumrutschen - mit Überzeugung, weil das nach wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie immer betont wird, Leben rettet, im Glauben an die Wissenschaft. Mit Maske, egal welcher Art, Aerosole herumatmen schützt andere. Unverantwortlicher Gefährder, wer daran zweifelt!

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16. September, Mittwoch, gefährlicher Alpenblick

Viele Touristen auf der Höhe des Berges, Pilger- und Feierstimmung wie man’s aus unserer Gegend nicht kennt. Unter der Kirche tut sich eine Plattform auf, ein Café. Wir ahnen den herrlichen Ausblick, gehen darauf zu und sehen gerade noch das Schild: Dass man sich registrieren soll und warten, bis man platziert wird. Ach, nach Niederlassen ist uns jetzt nicht. Man sieht Leute an Tischen luftig auseinander, niemand steht an der Brüstung, ich weiß garnicht, wie man’s anstellen sollte, sich dort anzustecken. Verboten ist verboten.

Besichtigen wir die Kirche, schlendern einmal im Hof herum, suchen jetzt einen Blick zu den Alpen. Dort vielleicht, viele Leute, wieder ein Zugang. Wir gehen unsicher darauf zu. Ein Aufseher ruft: „Halt! Wo wollen Sie hin?“ - Weiß nicht, mal gucken, die Alpen... ? - „Andere Seite! Registrieren mit Ausweis zeigen, hier ist nur der Ausgang.“ - während Dutzende Vollbesoffener heraus kommen, ein Trubel, ein reiner Hexentanzplatz. Und wenn bei irgendwem das Virus festgestellt wird, müssen wir womöglich in Quarantäne, weil wir für ein paar Minuten auf die Alpen geguckt hätten. So kam es, dass wir in Andechs bei der berühmten Kirche die Alpen nicht sehen durften. Wir haben Postkarten gekauft, dort kann man sie betrachten.

Busfahrt wieder den Heiligenberg hinunter, zwischen lallenden Besoffenen sitzend, die vor Lachen prustend ihrer Tröpfchen nicht Herr sind. Wenn nachher ein Amt vor der Türe uns testen will! Dann kommt zutage, wie das Virus gewütet hat - nicht wegen der Busfahrt, momentan muss sich keiner registrieren, der in verschweinten Bussen oder Bahnen sitzt - nein, wenn das Virus gewütet hat, dann just in den Minuten beim Blick auf die Alpen, wie man der dortigen Registrierung entnehmen kann. Zum Glück hat man uns vor dem Alpenblick bewahrt!

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17. September, Donnerstag, Ein Mensch von Verstand

Wie schön kühl bei der Hitze in der Alten Pinakothek. Was für ein Tempel! Eine Doppeltreppe, hoch und breit als sollte man in den Himmel steigen, und - ist es wieder wegen der Seuche? - ist die Symmetrie zunichte gemacht, indem Schild und Pfeil am Boden uns darauf hinweisen, dass man nur auf der linken Seite hoch und auf der rechten herunter gehen soll. Ästhetisch gewissermaßen so, als dürfte ein Auto mit der rechten Seite nur vorwärts und mit der linken nur rückwärts fahren.
Das hat, wie bekannt, mit der typischen Halleneigenschaft zu tun, dass man trotz Maske fiktive andere Personen, die hier theoretisch einmal sein könnten, gefährdet. Das heißt, trotz der verpflichtenden Stoffläppchen im Gesicht atmet man die Aerosole natürlich herum, wie jeder weiß, weshalb man nur in eine Richtung die Treppe hoch darf. Denn so herum geatmet, ist es wiederum nicht ansteckend, falls in der nächsten Stunde fiktiv jemand durchlaufen sollte. Wollen wir herunter, also in anderer Richtung die Aerosole herausatmen, ist dafür die andere Treppe gedacht. Es soll jeder Weg nur in der für ihn vorgesehenen Richtung veraerosolt werden, die Richtung ist für die Ansteckungsgefahr ganz entscheidend.

Wir betrachten wunderbarste Gemälde, ganz ohne von den Aufsichten unterbrochen zu werden, wie man einem Opernstück folgt, wo ja auch nicht ständig eine Aufsicht dazwischen kommt, um uns Hinweise zu geben. Nach Stunden Abtauchen in eine andere Welt wieder unten angekommen, fehlt noch die Sammlung des 19. Jahrhunderts. Wir treten vorsichtig durch die Tür, sehen eine lange Flucht von Räumen, ahnen herrliche Bilder! Das schaffen wir nicht, doch erst Pause und später noch mal her, drehen uns um, bemerken, dass hier „nur Eingang“ ist, da darf man ja nicht raus wegen der Verseuchung! Und kein Ausgang in Sicht! Ein Aufseher hat uns skeptisch im Visier. Nun, denn also doch schnell durchlaufen? Alles eilig mal kurz ansehen, solche Bilder - eilig? - Augen zu und durch? Der Aufseher fragt, was wir suchen. - Ach, eigentlich einen Ausgang. - Er, völlig verblüfft, ob wir etwa blöd wären, weist mit der Hand auf die Pforte hinter uns, durch die wir eben eingetreten sind. - Haha, na dann gehen wir doch durch den Eingang einfach wieder hinaus wie früher. Ein Mensch von Verstand.

Pinakothek der Moderne

Einmal die breiten Treppen in den Keller hinab in eine Halle, und die Schließfächer sind, nun ja, wer es nicht kennt, dem kann man’s kaum beschreiben: In einem riesigen Gebäude aus Hallen sind die Schließfächer ganz eng an eine Wand gerückt, wo sie einen schmalst möglichen Gang bilden. Hunderte kleiner, enger Schließfächer in einem engsten Korridor, wo die Klaustrophobie jeden zum Feind erklärt, der eventuell vorhat, auch ein Schließfach zu suchen. Gerade, wo wir dahinter klemmen und unsere Sachen ordnen, kommt eine zu einem kompakten Leib verschmolzene Gruppe eiliger Rentner, schlachterprobt und ohne Gnade, von einem Reisebus vor die Tür gesetzt, nach Rentnerart gewissermaßen um die Wette rennend, unter ihren Masken völlig außer Atem. Kaum dass ich’s mich versehe, atmen uns von links und rechts durch die Masken hindurch Schnuten an, weichen wir Bäuchen und Brüsten aus, wir können uns mit Mühe gerade so heraus wurschteln wie Jona aus dem Walfisch und fliehen in die Einsamkeit der weiten, hohen Hallen, wo, nun ja, bekanntlich die Seuche allerdings wieder so gefährlich ist, dass auch Rentner sich zur Sicherheit in den Fluren desinfizieren, immer auf den aufgemalten Pfleilen bleiben, und niemals durch einen Eingang wieder hinaus gehen.

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18. September, Freitag

Christoph telefoniert nach Schloss Schleißheim, ob dort Schließfächer zur Verfügung stehen. Am anderen Ende antwortet der Gondelfahrer. Oh, verwählt? Nein nein, sagt er, auf der Internetseit steht noch eine andere Nummer. Christoph wählt die andere:

Ich wollte einmal nachfragen, ob Sie wirklich Schließfächer zur Verfügung haben. - „Nein, Schließfächer gibt’s nicht.“ - Aber auf Ihrer Internetseite steht doch...- „Ja, aber wegen Corona sind Schließfächer gesperrt.“ - Aber in anderen Museen sind sie doch offen. - „Schlösser sind ja was anderes als Museen!“- Ach so, vielen Dank, weiß ich Bescheid.

Also auf nach Schleißheim ohne Trolley, Bücher und Mal-Gepäck, das Nötigste in Hand und Rucksack, nach kurzer Zugfahrt Ankunft in einem kleinen, schläfrigen Ort. Ein Schild: Schloss Schleißheim 2,5km. Nach fünf Minuten ein Schild: Schloss Schleißheim 2,5km. Nach zehn Minuten ein Schild: Schloss Schleißheim 2,5km...Christoph ärgerlich, war etwa kein Geld für verschiedene Aufschriften?

Eine Minute später stehen wir am Schloss. Genauer gesagt am Alten Schloss. Wäsche auf den Leinen, Fahrräder an Eingängen, ab und an kommt jemand an eine Tür, kramt nach dem Schlüssel und verschwindet in den schönen, schlichten Mauern. Ein Biergarten geschlossen, alles leise, der Parkplatz brandgefährlich, und ein Schild, für das es Geld gab:

Coronavirus
+++Ausbreitung eindämmen+++
Parkplatzregeln
Bitte parken Sie Ihr Fahrzeug mit Abstand von zwei Metern zum nächsten Fahrzeug.

Ein Bild veranschaulicht, wie genau das aussehen soll: Eine mathematische Strecke von 2 Metern ist zwischen zwei Autos eingezeichnet. Man kann sich gut vorstellen, wie nachher das Ordnungsamt mit dem Maßband herumgeht.

Bitte nutzen Sie beim Verlassen und beim Zugang zu Ihrem Fahrzeug auf dem Parkplatz keine gemeinsamen Wege mit Personen aus anderen Fahrzeugen.
Bayerische Schlösserverwaltung

Zwischen Büschen vereinzelt zwei, drei einsame Autos und wundern sich, wessen man sie verdächtigt.

Mir fällt das Münchener Abendblatt ein: „In einem Fall traf die Polizei am Sonntag gegen 14.40 Uhr an einem Biotop in Oberschleißheim zwei Erwachsene und ein Kind an: Sie hatten dort ein Zelt als Nässeschutz für das Kind aufgebaut und genossen die Natur. Das ist kein triftiger Grund im Sinne der Ausgangsbeschränkung, zwei Anzeigen waren die Folge.“ 30. März

Wir sind all die Stunden die einzigen Besucher im Neuen Schloss, in hohen, weiten Hallen. Nur wegen uns müssen wir stundenlang unter feucht geatmeten Masken die eigene Luft wiederkäuen, muss sich der Pförtner hinter einer Scheibe schützen und dürfen wir keine Sachen ablegen, sonst bräche eine Seuche aus. Wenn Max Emanuel wüsste. Nun gut, seine Zeit hat an Hexen geglaubt. Beeindruckt betrachten wir den hässlichen Blech-Schrank, wegen dem wir telefoniert haben. Man hat ihm Absperrbänder quer drüber geklebt, damit kein gefährliches Türchen aufgeht und Viren heraus sprühen wie aus der Büchse der Pandora. Nein, ich weiß nicht, weshalb. Doch, wegen Corona. Deshalb habe ich für den ganzen Tag kein Malzeug mitnehmen können, sind Bilder nicht zu Papier gebracht. Hat alles der Aberglaube auf dem Gewissen.

19. September, Samstag

Hunderte vorbildlich Maskierter warten am Gleis nach Tegernsee. Der Zug fährt glücklicherweise so ein, dass eine Tür direkt vor Christoph und mir zu stehen kommt. Wir steigen als erste ein, haben freie Platzwahl, können unser Glück kaum fassen, nehmen vor Aufregung den dümmsten Platz mit Wand statt Ausblick aus dem Fenster. Die nach uns trifft’s besser, obwohl, die Letzten müssen stehen.

Kurz ist die Fahrt nicht, wird mit Verspätung immer länger. Zwei Männer dicht neben uns plaudern. Wir wissen jetzt alles, wie es ihnen geht, und was sie machen, ihre Masken müssen schon ganz durchnässt sein. Ich übe Zeichnen am Ipad. Wie der Computer alles imitiert, die Struktur von Papier und Stift verblüffend echt! Dem Betrachter mag’s gleich sein, aber der Zeichner konsumiert ja Material, da ist’s am Ipad, als riecht er an Plastik-Rosen, oder kostet Deko-Äpfel aus Styropor. Wo ist dieses Paint von früher mit den viereckigen Pixeln, damit es nach dem aussieht, was es ist?

Immer wieder Zusteigende und Unruhe. Ein schicker Vater mit Kindern macht Terz, sieht nicht ein, warum er vom Schaffner der 1. Klasse verwiesen wurde, weil er kein Ticket dafür hat, steht nun bei uns Zweitklässlern, sein Töchterchen so fest am Rucksack haltend wie im stürmischen Atlantik in einem Schlauchboot. „Die Kinder! Wenn sich die Kinder hier mit Corona anstecken!“. Ach, er hat’s nicht, aber wir sind ansteckend? Vielleicht täuscht seine sportliche Profi-Kleidung und er hat wirklich nicht das Geld für die Rettung seiner Kinder in die 1.Klasse. Leute, hilflose Gesten machend, wissen nicht, wie sie ihm helfen sollen.

„Halt dich schön fest. Beide Hände! Ich halte dich auch.“, mit Faust an Töchterchens Rucksack, starrt er sie besorgt an wie ein Frühchen im Brutkasten, während sie, eigentlich ziemlich groß und sportlich, munter in der Gegend herum guckt. Der Zug gleitet sachte dahin und je weniger passiert, desto unruhiger wird der Vater. Niemand opfert einen Platz für ihn. „Was ist drei mal fünf?“, ruft er ihr ins Ohr. Ein Transport ins Totenreich, und er fragt sie Malfolgen ab, am Samstag: „Sieben mal acht?“ - klingt wie: Halte durch! Geh nicht auf den Tunnel zu! - „Acht mal Neun?“ Sie antwortet quicklebendig.

In Tegernsee werden wir alle vom Zug ausgespuckt, eine lärmige Masse motivierter Ausflügler, mittagshungrige Rentner, Dirndl und Seppel in Lederhosen, Wanderer in stark besohlten Stiefeln, mit Stöcken, Ökos, und der Sachse gerät ins Staunen über die Bilderbuch-Häuser, geschwungen gedrechselte Balustraden, prankende Geranien, blaues Wasser, kühle Berge, BMW und Mercedes, Segler, Paragliding, Kirchen und Villenresidenzen, jemand sagt: „Ein Gutes hat Corona: Die Immobilienpreise steigen.“ So hab ich das noch nie gesehen. Wie hält man’s hier? Schimpft man über Demos, gegen Proteste? Für weniger Föderalismus? Einen führenden Söder, hält arbeitslose, verhärmte Sachsen für Nazis?

Nun mal tief durchatmen, Männer in Lederhosen und weißen Kniestrümpfen spielen bayerische Schunkelmusik mit Akkordeon - das gibt es wirklich, nicht nur im Fernsehen! Ja, was dachtest du denn?, amüsiert sich Christoph - Fürs Anstehen am Imbis Maskenpflicht, Abstand und Buchführung, Name, Adresse, Christoph trägt uns ein, ich stelle mich an und verstehe die Sprache kaum. Fleischpflanzerl? Pflanzen? Fleisch? Vegan? Neugierig bestelle ich das und sehe: Ach, einfach Buletten! Herrlich duftende! Wir sitzen am Strandbad auf einer Wurzel im Schatten eines Baumes am Ufer, mit schönstem Blick auf Rottach-Egern und seine Kirche, lauschen dem Plätschern der kleinen Wellen, mit Teller auf den Knien und - sooo lecker! Du, anscheinend muss man seine Adresse nur einschreiben, wenn man im Café Platz nimmt? - Ja, hab ich dann auch gemerkt. - Und jetzt? Wenn irgendwer da positiv ist, müssen wir morgen in Quarantäne? - Na klar. - Ein kleines Mädchen badet, Segelschirme schweben lange, lange von den Berghöhen herab, hoch oben in den Lüften - ob dort Maskenpflicht ist?

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20. September, Sonntag, Ludwig der III. von Starnberg

Wie jeder See andere Farben hat! Sonnig und klar wie gestern, aber heute am Starnberger See nicht so blau und satt, eher silbrig mit Gelb. Obwohl, unsere Fotos, unserer Wahrnehmung spottend, machen strikt Blau daraus wie auf Postkarten.
So ist Urlaub, in Tutzing an einem Tisch im Biergarten am Wasser, Christoph hat uns eine Brezel geholt, Wurstsalat in einem Glas, mit Zwiebelringen und allerlei Gewürzen in Essig, für sich ein helles Augustiner. Hier ist auch Buchführung, die Leute da stehen an und tragen ihre Adressen ein, haben wir garnicht gesehen, jetzt sitzen wir unregistriert, versuchen beschämt dort nicht hinzusehen. Segler in der Ferne. Guck mal, eine Gruppe bekommt Anleitung auf Surfbrettern! Sag mal, sind die etwa nackt?! Nur der Lehrer hat Sachen an. - Christoph meint, naja, Kinder... - Was? Etwas dicke Hintern für Kinder, sind doch eindeutig Frauen! - Christoph, jetzt aufmerksam, rückt sich an der Brille und späht angestrengt hin, ich zeichne.

Fähre nach Starnberg. Rechtzeitig finden wir uns mit etlichen Leuten auf dem Steg ein, als die Fähre anlegt. Wir sind aufmerksam genug, die Masken schonmal überzuziehen, ein älterer Matrose wirbelt so flink und glücklich umher, man möcht‘ auch gleich Matrose sein. Christoph strahlt: Hörst du, ein Hesse! Was macht denn ein hessischer Matrose? Leu von us, der schwätzt ja wie daham! Beantwortet allerlei Fragen so beschwingt, dass manch einer wohl nur deshalb Fragen stellt, weil die Fröhlichkeit ansteckt. Übrigens sei auf dem ganzen Steg schon die Maskenpflicht. Ach so!, lachen die Leute, holen’s aus den Hosentaschen und ziehen sich’s fröhlich über.

Wir gucken hoch zu denen, die schon auf der Fähre sitzen - sitzen wiederum ohne Masken. Drinnen sind wegen Corona die Treppen mit Absperrbändern geteilt. Das sorgt für einige Komplikationen: Denn ist man einmal die Treppe hoch und drückt ausgerechnet dann die Blase, muss man, um wieder hinunter zum Klo zu kommen, die Treppe zu Ende hoch gehen, dann ums ganze Schiff drum herum an vielen dort sitzenden Leuten dicht vorbei, bis man an der andern Seite wieder an dieselbe Treppe kommt, auf der man gerade steht, wo man allerdings dann hinunter gehen darf, nur eben auf der anderen Seite der Absperrbänder.

Das wird in allen Museen und Einrichtungen so praktiziert: Das A und O der Seuchenbekämpfung ist schlicht und ergreifend die Einhaltung bestimmter Ordnungen, kurz: Das Virus handelt nach Recht und Gesetz - glücklicherweise! Denn stelle sich mal einer vor, das liefe irgendwie naturgesetzlich, es würde ja keiner mehr Herr darüber, so viel Verstand hätte unsereins garnicht, um sich von selbst hygienisch zu verhalten - würden wir doch, dumm wie wir sind, lieber kurze Wege gehen, ohne Kontakte, und nicht an all den Leuten vorbei.

Das Bord-Café ist geschlossen, es gibt, wie vielerorts nichts, wegen Corona. Na, wenn so ein Lungenvirus in den Magen käme, nicht auszudenken.
Die Tische draußen sind alle besetzt, so lassen wir uns mit ein paar andern am Bug auf dem Boden nieder, also nicht an einem Sitzplatz, sondern definitionsgemäß im Gang - heißt Maskenpflicht. Mit wehenden Haaren an frischer Starnberger Seeluft ganz vorn ein junges Pärchen, maskiert aneinander gekuschelt. DiCaprio und Kate Winslet am Bug der Titanik mit Mund-Nasen-Bedeckung.

Wir sind der Masken überdrüssig und gehen für Sitzplätze in den muffigen Innenraum: Denn wer Tisch oder Stuhl hat, darf die Maske abnehmen, die Seuche hat viel mit dem Besitz von Tischen und Stühlen zu tun, auf jeden Fall mehr als mit Innen- oder Außenraum: Lieber in muffige Räume ohne Maske, als an Luft und Sonne mit Maske. „Auf der rechten Seite sehen Sie am Ufer das Kreuz und die Kapelle, wo König Ludwig II. ins Wasser gegangen ist, und sich das Leben genommen hat.“ Was, dort?! Genau dort?

In Starnberg suchen wir lange nach einer Stärkung. Die Lokale, alle überlaufen, spielen laute Rap-Musik oder haben nur Kuchen. Am Abend Glück: den allerschönsten Platz direkt am Wasser. Kinder baden. Was ist das? Ein alter Mann mit zwei Stützstöcken geht in voller Bekleidung, so wie er ist, einfach in den See hinein. Wo will er denn hin? Ich sehe schon das zweite Kreuz im Wasser und eine Kapelle statt des Cafés, aber er bleibt, als das Wasser an seinem Bauch ist, sich an den Stöcken haltend, stehen, und guckt, sichtlich erfüllt, in die Ferne, eine ganze Weile, sodass Christoph dieses ungewöhnliche Bild ausführlich fotografieren und ich es mehrmals skizzieren kann. Ludwig den III.

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21. September, Montag, Schloss und Spiegelsaal bitte

Nun wissen wir ja Bescheid: Schloss Nymphenburg hat wegen Corona die Schließfächer gesperrt. Also wieder ohne Arbeitssachen, ohne Bücher, Farben und Papiere, auf zu einem zweiten Anlauf! Diesmal von hinten ankommend, besuchen wir den weit gestreckten Schlosspark, Wiesen, Wald und Seen, Stille. Weiße Schwäne schlagen mit den Flügeln. An märchenhaften Wegen hier ein Tempel, dort immer mal ein Schlösschen. Manches trotz Corona zugänglich, läd uns mit weit offenen Türen ein, Maskenpflicht. Der Pförtner, Gäste nicht gewohnt, durch uns erschreckt: „Die Karten bitte!“ - Ja, wir hätten gern Karten für zwei Personen. - Er, irgendwie ärgerlich: „Ich kann Ihnen hier keine verkaufen. Sie müssen vorn am Hauptschloss welche besorgen.“
Oh nein! Wer weiß, wie groß der Park ist, und wie weit weg das Schloss, der kann sich denken, wie wir unter den Masken geguckt haben müssen. Am Pumphäuschen, begeistert, haben wir die Sache schon vergessen. Wo kein Mensch weit und breit unterwegs ist, steht das Schüppchen offen - mit Maskenpflicht, die wir, falls Kameraüberwachung ist, dann auch einhalten. Massive Bolzen, von einem Wasserrad angetrieben, stampfen beeindruckend gurgelnd im Takt, seit ein paar Hundert Jahren, früher sogar ganz aus Holz, und treiben die hohe Fontäne im Park an.

Nicht unweit vom Schloss der berühmte Spiegelsaal. Immer noch ohne Eintrittskarten spazieren wir drum herum. Ob das Café schon geöffnet ist? Letzte Woche, als wir verzweifelt vor verschlossenen Türen standen, war ja Montag. Moment - heute - Montag? Wozu wird man eigentlich Ossi geschimpft, wenn man nicht wie früher immer Stullen ... Ach Quatsch, Stullen!, protestiert Christoph als Hesse. - Stullen in München?! - Tja dann, halbe Stunde zum nächsten Lokal, einem recht runtergekommenen Griechen, und, satt, voll Tzaziki und Gyros, unter Sodbrennen, aber glücklich, wieder am Schloss.

Schüchtern, maskiert, treten wir ein. Im Eingang fragt ein Aufseher, was wir möchten. Wie finde ich diese Frage komisch! - Na, das Schloss besichtigen. - „Wieviele Personen?“ - Zwei. - „Das Hauptschloss oder die Amalienburg, Badenburg, Pagodenburg, Magdalenenklause …?“ - Pff, ehm, hier, das Schloss. - „Naja, es geht darum wegen Einzel- oder Kombiticket, und Corona …“ - Weiß nicht, können wir das an der Kasse … ? - Ziemlich überfragt nehme ich Reißaus zur Kasse. Hier wird das Virus für gefährlicher gehalten, Betreuung jetzt hinter Scheiben. Zwei Karten fürs Schloss bitte. - „Möchten Sie auch in die Badenburg? Pagodenburg und Magdalenenklause sind geschlossen.“ - Schloss und Spiegelsaal bitte. - „Das können wir so leider nicht anbieten. Das Ticket fürs Schloss beinhaltet nur die …“ - Wie ich langsam ungeduldig werde, kommt Christoph, ebenfalls vor dem Aufseher fliehend, rot und in Rage, macht sich in professioneller Lehrer-Art sogleich wieder eine normale Gesichtsfarbe, mich davor bewahrend, unwirsch zu werden, verlangt, ohne sich den Vortrag anzuhören, in unanfechtbarer Sachlichkeit: Schloss und Spiegelsaal bitte. Das sind für jeden zwei Tickets! Die Kassiererin, jetzt zufrieden, verkauft uns die Tickets, schmunzelnd, sodass wir erleichtert auch schmunzeln können.

Immernoch aufgeregt verlassen wir den Schalter, streng beobachtet von noch zwei Aufsehern - bloß nicht wieder etwas verkehrt machen - da ermahnt uns die eine: „Den Rucksack bitte nur vorn auf dem Bauch tragen. Das ist, weil Sie den Rucksack im Rücken nicht richtig unter Kontrolle haben und irgendwo anstoßen könnten.“ Mit Maske im Gesicht und Rucksack auf dem Bauch, damit man so allein in großen, weiten Hallen nicht versehentlich wo gegen rempelt oder Corona ausatmet. An jeder Ecke Bewachung, darauf aus, uns bei irgendetwas zu erwischen - denn wie leicht kann’s passieren, dass man in diesen Hallen im Schleichen die Kurve nicht bekommt, über so eine Absperrung drüber fällt, noch zwei Meter purzelt und dort mit dem Rucksack an einem wertvollen Gegenstand anstößt!

Bald schon wird der Rucksack schwer, zieht die Schultern nach vorn, macht mir, die sich fürs Gegengewicht nach hinten beugt, ein Hohlkreuz, und sagt: Na? Wieviele Stunden hältst du durch? Da kommen zwei Frauen mit Handtaschen - wenn’s über nur einer Schulter hängt, sind’s Handtaschen - und tragen das hintenrum. Die eine „Handtasche“, ungelogen mindestens so groß wie unser Rucksack, mit einer Jacke darin eingehängt, mächtig weit abstehend, wackelt der Frau, wie sie geht, arg unkontrolliert auf dem Po herum, aber stört die Aufsichten gar nicht. Prima, freue ich mich, und nehme unsern Rucksack auch auf den Rücken, wo er bei weitem weniger absteht, und ordentlich fest sitzt. Kaum getan, ermahnt mich ein Aufseher ohne Diskussion: Der Rucksack muss auf den Bauch. - Ja, soll ich einen Riemen abschneiden, dann dürft ich ihn als Handtasche hinten tragen. Wie die Frauen dort zeigen, liegt’s nicht am Abstehen-und-Rumwackeln.

Christoph erbarmt sich und nimmt den Rucksack alleine, ohne abzuwechseln, jetzt steht er mit Rucksack auf dem Bauch, dass ich besorgt mehr ihn als die Kunst betrachte, da kommt ein ziemlich großer, ordentlich untersetzter Mann, ohne Rucksack doppelt so breit wie Christoph mit Rucksack. Also wenn’s ums Anstoßen geht, was den Umfang betrifft, hätten wir doch etwas an Guthaben, was wir als Rucksack hinten an uns dran addieren dürften. Aber ich habe da eine Idee! Wie wäre es mit Schließfächern?

Im Park im Spiegelsaal entspannter. Sind ebenfalls fast allein, die Aufsichten am Dauerpausieren schwatzend am Eingang, lassen uns unobserviert die Räume betrachten - dass man es erstmals überhaupt genießen kann. Hier also war es: Delphine Seyrig, Orgelspiel, Raunen: „diese Säle, diese Galerien, in diesem Bauwerk einer anderen Zeit, diesem gigantischen Hotel, luxuriös, barock, schaudernd da schreitend, wo endlosen Fluren Flure folgen, lautlose Leere, überladen von düsterem, kalten Zierrat, von Getäfel, von Stuck, von geschnitzten Füllungen der Türen, von bleichem Marmor, verblichenen Spiegeln, verblichenen Gemälden, von Säulen, geschnitzten Rahmen der Türen, von Fluchten von Türen, von Galerien, von Fluchten von Fluren, die wieder in leere Salons führen, in Salons, überladen vom Zierrat einer anderen Zeit, in schweigende Säle, ihren schweren Teppichen …“ (Alain Robbe-Grillet in: Letztes Jahr in Marienbad)

22. September, Dienstag, Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt

Freising. Nach exzessivem Maskentragen in menschenleeren Hallen täglich, manchmal acht Stunden, dauerhaft angestrengter atmend, verpickelt und matt, muss man doch den Dom von Freising noch gesehen haben! Auch hier alles menschenleer, wir, wie verordnet, „aus Rücksicht“ in Masken. Wie ein Hund, der die Leine los werden will, laufe ich auf und ab, nervös zwischen Müdigkeit und Aufregung, wie mit der Fernbedienung durchs Programm zappend: Prunk, Gold, filigranste Gitter der Kapellen, zuckriger Stuck, leuchtende Gemälde, das Wirbeln der Apokalyse, nehme die Maske heimlich ab, atme zweimal tief, was nicht viel nützt, habe jetzt die Luft verseucht und jemanden auf dem Gewissen, ziehe die Maske wieder auf. Christoph, ehrfürchtig, schreit im Flüsterton: Ratzinger wurde hier zum Priester geweiht und Professor - ist dir das bewusst? - alles vergessend, sogar die Maske, und wenn er fünf aufhätte, notiert Inschriften in sein Buch.

Wie ich längst am Chor versuche, mich zu konzentrieren, schweift mein Blick auf die Krypta! Eine stille Düsternis aus dem Treppenschacht kriecht herauf, wie ein Munkeln, dass man hinein soll, in eine noch ältere Zeit als Barock. Für normale Weltliche ist die Krypta garnicht gemacht. Ein Tourist, der da rein soll - wie kann die Kirche das wollen? Ich bin kein Christ, insofern wenig unter der Entweihung der Krypta leidend, steige ich hinab. Die Trolleys lasse ich hier oben, nicht ahnend, wie sie uns noch Ärger machen.

Romanische Säulen! Jede anders und eigen, Monolithen, Kreuzgrate, nackte Schildkapitelle, Schildkapitelle mit Pflanzen, mit Kordeln und Bändern, bizarre Figuren, männliche Sirenen mit zwei Fischschwänzen, braungraue Steine, Fugen wie freihand gezeichnet... Christoph kommt auch hinunter... Säulen wie fein gekleidete Adelige mit gekrönten Häuptern bei einer Versammlung, jede vornehm an ihrem Platz. Das Gewölbe, wie aus ihnen heraus fließend, sie garnicht belastend, steinerne Schirme. Und noch eine Kapelle neben dem Chor der Krypta, ein allerheiligster Andachtsraum für die Allergläubigsten. Jemand raschelt und schlurft die Treppe hinab. Ein Altar für Eucharistie, Abendmahl, Opfer. Das Rascheln kommt energisch durch die Krypta gelaufen, wie eine Uni-Sekretärin, die etwas sehr Wichtiges zu erledigen hat, das selbst an allerheiligstem Ort nicht warten kann. Lichter, goldenes Funkeln, Reliquien? - „Ist das Ihr Gepäck da oben?“ - Ja, warum? - „Das können Sie nicht so unbeaufsichtigt dort stehen lassen.“ - ein Satz, der seit einigen Jahren sehr verbreitet ist, an allen Bahnhöfen: „Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt“, seit wegen Terrorismus bei rumstehenden Koffern Polizei und Entschärfung geholt wird. Ich versuche, zu beschwichtigen: Da ist wirklich keine Bombe drin. - „Nein. Aber dass Sie trotzdem bei dem Gepäck bleiben.“ - Wegen uns doch nicht. Wir würden ja ohne jeden Zweifel sofort hören, wenn zehn Meter weiter, oben in einer menschenleeren, geräuschlosen Kirche jemand die festen Klettverschlüsse öffnen oder die knätzenden Griffe anfassen würde. Ein paar Schritte nur, und wir sehen die Sachen genau. Außer ihr und uns, und wenn nicht sie, wer sollte dort - in einer Kirche - stehlen? Ach, sage nichts, denke ich, aber sie: „Oder stellen Sie die Sachen ganz vorn an den Eingang, da stören sie auch nicht.“ - Wie soll ich das verstehen? Dann wären sie doch erst recht nicht beaufsichtigt. Gehe ich also hoch, setze mich neben die Sachen, auf dass sie dadurch weniger stören, passe in einer völlig menschenleeren, lautlosen Kirche, wo man Tauben draußen flattern hört, darauf auf, wovor auch immer, und warte, bis Christoph unten fertig ist. Weil‘s so sinnlos ist, wird mir die Maske auf der Nase wieder bewusst - Hallen - Orte aller Sinnlosigkeiten.

Wie ich da sitze, geht mir ein Gemälde nach dem anderen durch den Kopf, aus dem Barock, von Kirchenräumen - mit Kindern und Hunden darin herum rennend, Bettler in der Ecke, Leute lamentierend oder plaudernd, Pilger, Reisende! Und ausgerechnet heute, wo alles Heilige von Atheisten begafft wird, Totenstille, darf jemand, der als einziger angereist ist, und nachher mit dem Zug nach Leipzig muss, nicht mal seine Sachen dabei haben. Ein Auto, die Sachen im Auto, während der Papst vom Klima predigt! Als Christoph fertig ist, sich zu den Sachen stellt und ich wieder hinunter in die Krypta kann, ist’s mehr wie kurz-noch-erledigen, oder wie oft soll man sich versenken?

Wir werden albern: stehen im Seitenschiff zwei Stühle direkt nebeneinander, auf dem einem klebt ein Zettel: Diesen Platz bitte freihalten, wie vielerorts, wegen den Abstandsregeln. Dann sitzen wir uns beide eben auf dem Schoß und halten den einen Stuhl frei. Hier säßen immer nur Verwandte - oder welcher Fremde würde sich in einer menschenleeren Kirche voller Bänke ausgerechnet auf diesen zwei Stühlen auf die Pelle rücken? Als Verwandte also bloß nicht nebeneinander - Masken gerade rücken, lächeln bitte, schönes Selfie!

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24. September, 2000 am Tag in Deutschland, 82.000 in Indien

Leipzig, wir sitzen Cafés, lesen und zeichnen.

Ich weiß keine einzige Situation, wo wir uns in München auf freiem Platz in der Luft ausreichend lang und dicht aneinander gedrängt hätten, um uns infizieren zu können. Das Foto des Artikels zeigt auch nichts, was dem Laien an Infektiösitäten auffallen würde. Aber sicher ist sicher, seit heute in München vielerorts Maskenpflicht im Freien.

„Ich finde es okay, weil ich Kinder habe und möchte, dass die in den Schulen die Masken endlich loswerden. Dafür trage ich gerne hier draußen eine.“ - nur, davon, dass Kinder dann keine mehr tragen müssten, war in keinem Wort die Rede. Nein, sie müssten jetzt natürlich auch auf der Straße eine tragen.
„Ein Mitarbeiter des Ordnungsamts ist unterwegs und schaut schon mal nach dem Rechten. Er werde in Zukunft noch mehr Menschen sehen, die Coffee-to-go-Becher, eine Brezn oder eine Zigarette in der Hand hielten als Alibi, warum sie keine Maske aufsetzen könnten, vermutet er. Klar ist aber: Essen erlöst nicht von der Maskenpflicht – und wer ohne Maske erwischt wird, dem droht ein Bußgeld von bis zu 250 Euro.“

„Das ist der Tod der Innenstadt.“ www.br.de

„Marke geknackt
„Bereits zum dritten Mal innerhalb einer Woche hat die Zahl der neuen Corona-Fälle pro Tag die Marke von 2000 geknackt.“ www.tagesschau.de

28.9., Coronavirus in Indien
„Mehr als sechs Millionen Corona-Fälle sind bekannt. Dennoch will die Regierung Beschränkungen weiter lockern.“ „Wie das Gesundheitsministerium in Delhi mitteilte, wurden erneut mehr als 82.000 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden registriert.“ www.tagesschau.de

7. Oktober

Aha, aha... neue Größen entdeckt zur Erweitung der derzeit bedeutendsten Formel:
„Die AHA-Formel rät zu einem Abstand von 1,5 Metern, Hygiene wie gründlichem Händewaschen und dem Tragen von Alltagsmasken. Nun sollen zwei neue Buchstaben dazu kommen: ‚C‘ wie Corona-Warn-App und ‚L‘ wie Lüften. Empfohlen wird auch in der kalten Jahreszeit regelmäßiges Stoßlüften.“ - sagt man dann AHACL? www.tagesschau.de, 29.9.

Nach einem Semester Kontaktverbot erlaubt die Uni tatsächlich wieder, bei Dienstberatungen persönlich anwesend zu sein, Dozenten, Sekretärinnen und Chef an einem Tisch, natürlich unter Einhaltung lang erdachter Konzepte, etwa nach der Formel HAL, folgendermaßen:

Wolter und Mai, Wendt, Kohl, Meise und Rabe, Conrad und Wiese gemeinsam am Tisch, am Platz, wie erlaubt, ohne Maske, in heftigem Austausch am Debattieren, wie hoch die Zahlen stehen, und dass statt dreißig immer nur zehn Studenten in einen Raum dürften, bei starker Durchlüftung. Frau Wolter will zur Toilette, dorthin wird ihr niemand begegnen, denn die Kollegen aller Büros sitzen hier am Tisch, sie zieht sich beim Aufstehen die Maske auf - Maskenpflicht im Gang - und verschwindet maskiert im Klo. Sie wäscht sich ewig die Hände - vor ein paar Jahren hätte man sie in einer Talkshow zur Rechenschaft gezogen, weil wegen ihr die Kinder in Afrika kein Trinkwasser hätten. Aber da es heute Wichtigeres gibt,... Und es wird immer streng gelüftet: Keine Chance den Aerosolen! Frau Wolter kommt wieder an den Tisch, setzt sich zwischen die Kollegen, darf die Maske wieder abnehmen.

Christoph, nach einer Woche kränkelnd und erkältet: Man wird noch verrückt! Man sitzt da in Schal und Mantel und friert immer noch. Die reißen alles auf und machen so einen Sturm, dass die Tür immer zuschlägt, dass von der Wucht Risse in die Wand gekommen sind. Seit elf Jahren in diesem Gebäude dort keine Risse, aber jetzt der Putz aus der Wand gebrochen, in einem historischen Gebäude! Und stundenlang bei offenen Fenstern Straßenlärm und Türenschlagen, man versteht sein eigenes Wort nicht! - Und jeder Kurs nachher in Zehnergruppen! Muss ich für dreißig Leute den Stoff drei mal hintereinander vortragen, für drei Kurse schon neun mal dasselbe hintereinander, und den ganzen Tag im Durchzug! Naja, so gibt es bald mehr Opfer „im Zusammenhang mit Corona“, nachdem es ja seit längerem nicht mehr „an oder mit Corona“ heißt.

Der Touristenführer wird später sagen: Sehen Sie, diese Einschusslöcher hier, das sind Spuren aus dem zweiten Weltkrieg. Und hier, diese Risse in den Wänden, das ist vom „Krieg gegen Corona“.

Trump und Biden im Wahlkampf. Und wenn man Trump nun endlich weg bekäme, würde das Virus dann allmählich abflauen? Oder soll es dauerhaft bleiben? Denn, wenn Trump sagt, das Virus würde vorbeigehen und ein Impfstoff gefunden werden, sei das laut Tagesschau nicht wahr!: „Er dürfte seine übliche Mischung aus Halb- und Unwahrheiten verbreiten: Alles wird gut, Covid-19 wird vorbeigehen - und das womöglich noch schneller, weil es ja bald einen Impfstoff gibt, sagte Trump dieser Tage.“ www.tagesschau.de, 29.9.

Eine Seuche, die nicht vorbeigehen wird? Jedenfalls nicht schneller. Schneller als was? Als gedacht? Und wie lange gedenkt man? Oder schneller als ohne Maßnahmen? Wenn eine Seuche unter Umständen nicht schneller vorbei geht, könnten wir sämtliche Maßnahmen auch gleich abschaffen. Ich möchte der Tagesschau hier an keiner Stelle zustimmen, denn würde ich so reden, man würde mich Verschwörungstheoretiker nennen.

9. Oktober

„Wieder mehr als 4000 Neuansteckungen.“

„Um die Corona-Lage besser einschätzen zu können, hat der Epidemiologe Krause dazu geraten, mehr Daten zu berücksichtigen - nicht nur die Neuinfektionen. Als wichtigen Faktor nannte er in den tagesthemen die Zahl der Erkrankten.“, www.tagesschau.de - So ist denn diese Idee nach Monaten aus dem Volk in die Wissenschaft vorgedrungen. Notstandgesetze, wenn kaum jemand krank ist? „Corona führt zu weniger Krankmeldungen“ - „Arbeitnehmer sind wegen der Corona-Krise deutlich seltener krankheitsbedingt ausgefallen als noch im Vorjahr. Die Zahl der Krankmeldungen sank sogar auf den tiefsten Stand seit drei Jahren.“ www.tagesschau.de, 4.10. „Wegen der Corona-Krise“ klingt nach einer guten Krise, oder ist’s weil sich Arbeitslose nicht krank zu melden brauchen?

Und weil die Krise so gut ist, greifen wir zu noch härteren Mitteln, mehr Bundeswehr im Inland: „Soldatinnen und Soldaten […] helfen in den teilweise personell unterbesetzten Gesundheitsämtern aus. Dort unterstützen sie zum Beispiel bei der Nachverfolgung von Kontakten, sobald es einen bestätigten Corona-Fall gibt.“ www.tagesschau.de
Wir unterstützen immer bei der Fütterung von Vögeln. Neulich haben wir eine Straße überquert und zwei Männer neben uns erzählen hören, dass sie aus Protest gar keine Nachrichten mehr ansehen, und gleich viel glücklicher seien, ein ganz normales Leben führen.

13. Oktober

„RKI-Strategiepapier. Masken wohl auch mit Impfstoff nötig.“ www.tagesschau.de
Hoffentlich nur, wie gewohnt, beim Zahnarzt, in Krankenhäusern, bei OPs, über offenen Wunden, um nicht Bakterien hinein zu streuen. Oder meint man das neuartige Maskentragen, geblümte, begrabbelte Baumwolle gegen Viren, wenn man eine leere Museumshalle betritt, eine leere Kirche, shoppen geht, in der Bahn sitzt, im Wind am Bug einer Fähre, aufs Klo geht, oder durch einen Flur läuft?

19. Oktober, Als unsichtbarer, schweigender Geist in virtuellen Räumen schwebend

Die Uni Leipzig, verblüffend vorausschauend, plant die Pandemie bis Ende 2021, für Christoph so lange Online-Unterricht, steht fest. Wie kommt’s, dass die Bauhaus-Uni in Weimar dem Erstsemester Präsenz versichert? Ausdrücklich, Präsenz sei sehr wichtig. Aber statt Start im Oktober, erst alles ab November - warum so spät, wenn man einen neuen Lockdown kommen sieht?

Theoretisch käme auch eine Mischung in Betracht, ein Teil online, ein Teil Präsenz.

Ein Vorgeschmack
Ich komme in Weimar am Bahnhof an, eine halbe Stunde noch, bis die Online-Veranstaltung beginnt. Zu Hause ansehen ging nicht, weil gleich danach Präsenz-Treffen: zu wenig Zeit von zu Hause bis dorthin. Online also unterwegs, ohne Raum im Freien. Nun suche mal einen Platz draußen in der Kälte. Straße - zu laut. Ein stiller Winkel - keine Sitze. Ein Mäuerchen - Laubbläser. Ein Eckchen - schwatzende Frauen. Bänke - Plappern vom Kindergarten. Ein Stein - vermutlich vom nächsten Hund angepeilt. Eine Viertelstunde noch. Und muss das Gerät einschalten, die Links aufrufen, alles einrichten. Ein Gässchen, kleine niedrige Fenster - ich bin drauf und dran, mich auf andrerleuts Fensterbretter zu setzen, vor Häkelgardinen und Orchideen. Ein Weg - zu viele Passanten. Ein Hinterhof, Büsche, Kellertreppen - Misstrauische Blicke von Bewohnern, was die hier herum scharwenzelt, was die wohl sucht. Wiese - nass von Tau oder Regen. Irgendwie obdachlos, eine Obdachlose mit Ipad und Hörern in den Ohren. Die Online-Veranstaltung beginnt, verdammt aber auch, ich laufe immernoch herum. Wo bleibt der Ton? Man sieht einen am Bildschirm, der eifrig am Vortragen ist, aber - ich höre nichts! Zwischen Passanten laufend, tippe ich am Gerät herum, nach stundenlangem Anlauf, frühem Aufstehen und Bahnfahrt plötzlich völlig unvorbereitet, mit Nase überm Bildschirm, die Leute müssen denken: ein Medien-Junkie, kann nicht mal im Gehen davon ablassen, Hauptsache läuft nicht vors Auto. Schließlich finde ich ein stilles, sogar hübsches Plätzchen auf einer Bank. Dass sie nass ist, egal. Kälte, egal, keine Zeit.

Eine halbe Stunde von der Veranstaltung schon verpasst, als der Mann am Bildschirm einen handgeschriebenen Zettel hochhält: Wir beginnen nochmal von vorn und mit Ton. Mit Ton? War also gar nicht mein Fehler? Wie sich herausstellt, sollen wir Zuschauer uns nicht sichtbar und hörbar zu schalten. Man sitz also schweigend und unsichtbar wie so ein Geist im Weltraum und guckt nur zu. Im Bildschirm steht geschrieben, wieviele unsichtbare, schweigende Geister ein und ausschweben, mal 783, dann 695, dann 807, ein Kommen und Gehen. Wäre der Hörsal nicht virtuell, müsste man immer die Beine einziehen oder aufstehen, um wen durchzulassen. Virtuell ist alles still, keine raschelnden Jacken, keine schabenden Stühle oder klappenden Bänke, kein Tuscheln, kein Lachen, kein Räuspern oder Applaus. Hunderte anwesend, unkörperlich, unbemerkt. Der Uni-Präsident steht im Bild, begrüßt online für drei Minuten die Studenten. Anschließend nimmt sich der Bürgermeister für eine Minute Zeit, hat uns in seinem Büro mit braunen Möbeln und Büchern auf seinen Tisch gesetzt. Ich sitze ihm in seinem Büro auf dem Tisch und Hunderte andere auch. Ansonsten Corona-Regel-Belehrungen, wofür sich jemand die Mühe gemacht hat, kleine Figürchen und Schrift zu einem Filmchen zu animieren, geeignet für 6-jährige, falls solche unter uns sind.

Es geht nicht lang, eine Stunde, da sind die Feierlichkeiten auch schon zu Ende. Ich erhebe mich von der Bank, Hintern nass vom Tau, ziehe die Hörstöpsel aus den Ohren, stelle verfroren und schniefend fest, dass ich körperlich immer noch im Irdischen verhaftet bin, wie wenn einer zu Bewusstsein kommt: Man kann die Hände bewegen und laufen, sprechen, wird gehört und gesehen. Schönes gelbes Herbstlaub um mich herum. Bis zum Treffen noch etwas Zeit. Gehe in ein Lokal zum Aufwärmen. An sehr hübschem Plätzchen in weichen Sesseln will’s aber partout nicht warm werden, es sind ja auch hier wegen Drostens Aerosole alle Fenster und Türen aufgerissen, die Füße kälter als auf der Parkbank. In Jacke und Pullover etwas unbeweglich, versuche ich den Spritzkuchen an Schal und Haaren vorbei zu manövrieren, schicke ein paar unwillige Finger aus dem Ärmel, um die Teetasse zu halten, und muss doch bald wieder raus, Bewegung, um warm zu werden.

22.10.

11.287 Fälle binnen 24 Stunden, www.tagesschau.de.

Das Diagramm des RKI zeigt einen riesigen, steilen Anstieg - die zweite Welle! Zur Abwechslung mit etwas verschobenen Farben: Die erste Welle hat im Anstieg viel Blau, kaum Gelb. Die zweite viel Gelb, halb so viel Blau. Anders gesagt: Am Ende gibt es viel weniger Kranke, aber viele positive Tests, www.rki.de.

Wie Herr Spahn vor Monaten schon sagte: „Wir müssen jetzt aufpassen, dass wir nicht nachher durch zu umfangreiches Testen zu viele Falsch-Positive haben, weil die Tests ja nicht hundert Prozent genau sind, sondern auch eine kleine, aber eben auch eine Fehlerquote haben, und wenn sozusagen insgesamt das Infektionsgeschehen immer weiter runter geht, und Sie gleichzeitig das Testen auf Millionen ausweiten, dann haben Sie auf einmal viel mehr Falsch-Positive als tatsächlich Positive. Das sind so die Dinge, mit denen man dann sozusagen im Herbst konfrontiert wird...“, youtube.

Seit etwa zehn Wochen schon eine Erhöhung der Tests auf über eine Million wöchentlich. Man braucht dazu garnicht die Fachleute wie Bhakdi, Karina Reiss, Dr. Wodarg, Dr. Schiffmann, Epidemiologin Angela Spelsberg und andere, für die man Schelte bekäme, es genügt, Herrn Spahn zu fragen, denn viele Fachleute sagen genau das. Mit anderen Worten, Politiker und Qualitätssender wissen, was sie tun.

Und wenn also jetzt Kranke möglicherweise einen falsch-positiven Corona-Test haben und sie von etwas anderem krank sind? Prof. Wodarg betont seit Monaten, dass, selbst wenn Coronaviren dabei waren, nicht bewiesen ist, ob immer die Krankheit durch diese Viren und nicht etwa durch andere Viren ausgelöst ist, die immer auch bei Infektionen dabei sind. Nein, nein, ich weiß: Von etwas anderem krank als von Corona? Es gab schließlich noch nie Lungenkranke. Vor Corona haben auch nie Leute beatmet werden müssen.

Verzeihung, dieses Zitat hier ist mir so dazwischen geraten, ich sollte es bei Zeiten löschen: „Von den 2,15 Millionen Menschen, die im Jahr 2015 auf eine Intensivstation mussten, wurden 412.000 künstlich beatmet […] Zum Vergleich: Im Jahr 2005 waren es 1,9 Millionen Patienten auf der Intensivstation, von denen 325.963 beatmet wurden. ‚Das hat mehrere Gründe‘, erläutert Prof. Kluge ‚Zum einen werden die Menschen immer älter und damit steigt die Gefahr an Leiden zu erkranken, die eine künstliche Beatmung nötig machen...Zum anderen macht die Medizin enorme Fortschritte und so können wir heute Menschen am Leben erhalten, denen wir vor einigen Jahren noch nicht helfen konnten. Das gilt insbesondere für die oft alten Menschen, die gleichzeitig unter mehreren schweren Erkrankungen leiden.‘“ www.lungenaerzte-im-netz.de, 13.01.2017. Dazu noch Kapazitäten-Abbau.

Neuerdings fällt den Qualitätssendern ein, dass zwar genügend Betten aufgestellt wurden, aber man auch Personal dazu bräuchte! Klingt wie in alten Zeiten. Hiltja hat all die Jahre erzählt, wie die Intensivstation zu viele Betten aufstellt bei immer weniger Personal, für den Profit, da hat das wenige Personal immer mehr Patienten gehabt, was mehr Geld einbrachte, und immer mehr Arbeit leisten müssen, bzw. teils wichtige Arbeiten nicht geschafft. Aber seit Corona stellt man tausende Betten auf, sodass ich dachte, der Patient soll sich selber an die Kabel und Schläuche anschließen und sich seine Werte in Ordnung bringen, aber jetzt doch: zu wenig Personal?

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23. Oktober

Was soll das heißen - die Ampel steht auf Gelb? Nach einem Semester „Shutdown“ - oder wie manche sagen: Die Bordelle sind geöffnet, die Unis geschlossen - wurde in Leipzig eine Corona-Ampel eingeführt, damit man sehen soll, wie gefährlich die Lage jetzt sei. Das ist schon wichtig, denn ohne Ampel würde man nicht bemerken, ob man von einer schweren Seuche betroffen ist. Jetzt stand die Ampel auf grün. Wochenlange Vorbereitungen auf den Präsenzunterricht: Hygiene-Konzepte, alle Räume wurden ausgemessen, Abstände durchgerechnet, Stühle und Tische entfernt, Kurse geteilt, damit in Zeiten einer grünen Ampel sich die Gesunden nicht gegenseitig infizieren. Natürlich: wenn da einer das Virus hätte, AHACL, damit da nichts passiert.

Jetzt steht die Ampel auf Gelb, und dürfte tatsächlich der ein oder andere infiziert sein, könnten die Maßnahmen zeigen, was sie nützen, aber Gelb heißt: Präsenz wird abgesagt! Digitalisierung. Denn, wenn da Infizierte sitzen, nützen ja die Maßnahmen nichts. Nein, die Maßnahmen nützen nichts. Scherz! Die Maßnahmen sind sicher sehr sinnvoll, ich weiß, solange keiner infiziert ist.

Und was machen wir jetzt, fragen die Dozenten. Den Studenten schreiben, dass sie nicht kommen sollen, und dann springt die Ampel wieder auf Grün? Warten wir mal übers Wochenende.

26. Oktober

Christoph, der kürzlich noch allen Studenten geschrieben hat, dass der Kurs stattfindet, ist jetzt dabei, allen zu schreiben, dass er doch nicht stattfindet. Alles nur online, will die Mails gerade senden, als das System zusammenstürzt - die ganze Uni online, zuviel fürs Uni-Netz. Nach aufregendem Arbeitstag wieder zu Hause, kommt er gar nicht zur Ruhe: Die Mails gingen nicht zu verschicken, die Studenten werden morgen vor leeren Räumen stehen. Das ist verboten! Was wird das Ärger geben! Digitalisierung und kein Netz!

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27. Oktober

Wir sollten uns ein Vorbild nehmen:

„Social Distancing bei Tieren. Auch Fledermäuse halten Abstand“
„Was vielen Menschen in diesen Corona-Tagen trotz aller Appelle schwerfällt, machen Fledermäuse freiwillig: Sie gehen auf Distanz zu ihren Artgenossen, wenn sie krank sind. Forscher des Naturkundemuseums Berlin und US-Kollegen haben in einer Studie herausgefunden, dass Vampirfledermäuse mit Krankheitssymptomen deutlich weniger Zeit in der Nähe von Artgenossen verbringen als sonst üblich.“ www.tagesschau.de

Ja, wir sollten weniger Zeit mit kranken Artgenossen verbringen, deutlich weniger. Wir konnten’s schonmal besser: sie auf Inseln aussetzen, irgendwo in die Felsen. Aber heute? Ich überlege jetzt, ob Fledermäuse auch Abstand zu Gesunden nehmen. Denn darum geht’s uns vor allem. Wenn 0,087 Prozent positiv getestet in Quarantäne sind, sollen wir Abstand von 99, 9.. Prozent Gesunden nehmen. Und nicht nur, dass man einen Schnupfenden, Niesenden oder anders Symptomierenden vorübergehend nicht küsst oder „deutlich weniger Zeit mit ihm verbringt“, sondern jeden dauerhaft meidet.

Nicht, dass die Dunkelziffer an Kranken so hoch wäre: „Ich glaube nicht, dass es da so viele unerkannte Fälle in China gibt, dass man sich da im Alltagsleben unbemerkt infiziert.“, sagt Drosten im Januar, www.morgenpost.de.

Aber „Am besten wäre es, wir täten alle so, als wären wir infiziert und wollten andere vor Ansteckung schützen. Wir tun so, als wäre der andere infiziert und wir wollten uns selbst schützen. Daraus ergibt sich unser Verhalten.“, so Drosten jetzt zur Osnabrücker Zeitung, www.badische-zeitung.de, 1. Nov..

Den Konjunktiv können die Fledermäuse noch von uns lernen, aber immerhin: Nachdem man die Tierchen vor Monaten verdächtigt hat, dieses, so Söder, „absolut tödliche Virus“ auf uns übertragen zu haben, können sie jetzt unser Vorbild im Umgang mit Kranken sein. So ist ihr guter Ruf wieder hergestellt.

„Drosten im Corona-Podcast: Ein kurzer ‚Lockdown‘ wäre eine gute Idee“. Man freut sich immer, wenn ein Fachmann gute Ideen hat. „‚Mini-Lockdown‘: Wales, Nordirland und Schottland machen es vor“, „ein ‚Mini-Lockdown‘ sollte mindestens zwei Wochen dauern. Drosten hält drei Wochen für noch wirkungsvoller.“ Wenn ihr mich fragt, noch länger wäre bestimmt noch wirkungsvoller. Wir können ja abstimmen. Demokratisch.

Wen wollen wir opfern? Schulen sollen’s diesmal nicht sein.

„Denkbar sind nach Ansicht von Drosten auch mehrere kleine ‚Lockdowns‘ über einen längeren Zeitraum - ‚bis zum Frühjahr, bis die Situation wieder besser ist, bis ein Impfstoff verfügbar ist, bis die Temperaturen wieder besser werden‘.“

Als gesunder, oder gar junger Mensch einen schweren Verlauf zu haben, ist fast unmöglich, aber: „Man weiß vorher nicht, ob man zu den seltenen Fällen gehört“, soll Drosten gesagt haben. www.ndr.de Wer weiß, ob man morgen nicht von einem Auto überfahren wird, oder von jemandem erstochen - wie konnten wir nur immer so leichtsinnig sein? Nicht lieber einen Dauer-Lockdown?

2. November

Endzeitstimmung. Das neue „Lockdown“ wird eingeleitet von Abschiedstreffen, Parties ein letztes mal, Reisen und Besuchen. Eins unserer Stammlokale war am Abend zuvor so voll wie nie, maßnahmengemachte Massen, so ein Schreiten aufs Ende, dass ich auch garnichts zum Zeichnen mitgenommen habe, dass das Lokal die Fenster nicht mehr zum Durchzug aufgerissen hat, dass wohlige Wärme war, ausgelassen lautes Plaudern und Lachen, Freunde und Familien zu sechst, zu acht ohne Abstände, so turbulente Infektionsketten wie in keiner gesunden Zeit jemals.

Am nächsten Tag dann: Stille. Schwarze Fenster, zusammengestellte Stühle, eingeklappte Schirme, Zettel an der Tür.

Tagesschau:
„ Merkel zur Corona-Lage: ‚So etwas wie eine Naturkatastrophe‘“, www.tagesschau.de Was meint Frau Merkel, soll es denn dann genau sein?
„Sie hoffe auf einen ‚Wellenbrecher‘-Effekt, der einen Wendepunkt bei den stark steigenden Fallzahlen bringe. Um dieses Ziel zu erreichen, müsse sich aber jeder an die strengeren Auflagen halten, appellierte Merkel an die Bevölkerung.“

„Schulen und Kitas sollen, anders als beim ersten Lockdown im Frühjahr, geöffnet bleiben. Auch Gottesdienste können unter Einhalten von Hygieneregeln weiter abgehalten werden. Merkel verteidigte diese Entscheidung mit dem Recht auf Religionsfreiheit.“ - Das ist neu, vielleicht hatten wir im Frühjahr, als Gottesdienst verboten war, das Recht auf Religionsfreiheit noch nicht?

„Es sei ‚zwingend geboten‘, Gottesdienste weiter zu ermöglichen, da Schulen und Kitas ja auch den Betrieb fortsetzen könnten.“
Und Gastronomie ist zwingend geboten, da Schulen und Kitas ja auch... Nein, oh, ich korrigiere: Gastronomie ist verboten, das beruht auf anderen logischen Gesetzen, nicht auf Schulen und Kitas als Voraussetzung. Deshalb waren Gottesdienste im Frühjahr wohl verboten, weil damals auch Schulen zu schließen hatten. Es folgt immer Gottesdienst aus Schule, aber Gastronomie folgt nicht aus Schule. Ganz religionsgeschichtlich gedacht.

Da helfen keine Plexiglasscheiben zwischen den Tischen, nur halbe Tischzahl, drei Meter Abstände, Maskenpflicht, Desinfektion und Registrierung, alles nutzlose Maßnahmen. Nutzlos sage ich nicht ich, nicht ich versteige mich zum „Leugner“ - die Politik sagt es, indem sie Lokale schließen lässt, sie tritt in die Fußstapfen der „Leugner“. Man hat aber nie gehört, ob anhand der Registrierungen in den Lokalen besonders viele Infektionen festgestellt wurden, dass man am besten diese schließen müsste. Auch Entschuldigungen den ersten „Leugnern“ gegenüber hat man nie gehört - Obwohl sie jetzt offenbar Recht behalten, bleiben sie weiter im Gedächtnis als „Covidioten“, während die, die jetzt ebenfalls in den alten Maßnahmen keinerlei Sinn sehen, wiederum die Korrekten sind.

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3. November

Pünktlich zu den US-Wahlen: „Gibt es eine neue islamistische Terrorwelle in Europa? Und wie ist die Gefährdungslage in Deutschland?“ Aber: „Die Antwort der Sicherheitsbehörden ist ernüchternd. Der islamistische Terror war nie weg.“ www.tagesschau.de
Obwohl: „Terrormiliz auf dem Vormarsch. Wie der IS in Syrien wieder Fuß fasst.“ ebd.

4. November

„Spekulation auf Trump-Sieg: Börsen überwinden ersten Wahl-Schock“ ebd.

5. November

„Verfassungsschutz zu Terrorgefahr: ‚Scharfen Blick auf Gefährder werfen‘“, ebd..
„Biden vorne - Trump klagt“, ebd.
„Die große Zitterpartie“, ebd..

7. November

Biden hat gesiegt. „Auf den Straßen New Yorks klatschten, schrien und jubelten die Menschen. Hunderte strömten zum Times Square und feierten. Viele Autofahrer betätigten pausenlos ihre Hupen.“
„Heute beginnt ein neuer Tag der Hoffnung für Amerika.“, Pelosi.
„nun ist es an der Zeit, die Wunden zu heilen.“, Jeb Bush.
„für einen transatlantischen Neuanfang, einen New Deal“, Heiko Maas.
„Sie freue sich auf die Zusammenarbeit mit dem Biden, schrieb von der Leyen bei Twitter.“
Man kann kaum alle aufzählen, die „dem“ Biden gratulieren, nach meinem Eindruck wollten auch die meisten meiner Bekannten in Chatgruppen „den“ Biden, wobei ich nicht „bei“ Twitter lese, aber ich nehme an, dort ist die Stimmung wie überall.

Das Bild in dem Artikel zeigt enorme Menschenmassen, wie auf Demos, Abstands-Gebote vergessen, kein Thema, geht’s doch um Biden. ebd.
„Joe Biden. Mann der Mitte“, ebd.
Kaum zu glauben, dass das Wahlergebnis die ganze Zeit so knapp bleibt, wenn außer Trump niemand enttäuscht ist, nur „Hoffnung für Amerika“, wie nach einer Befreiung aus der Knechtschaft.

8. November
„Biden-Rede nach Wahlsieg: ‚Nicht spalten, sondern einen‘“, ebd.
Das wird viel Arbeit, solange nicht jeder für mehr Maßnahmen ist. „Biden kündigte zudem eine andere Corona-Politik an.“

„Nach dem Sieg Bidens: ‚Es ist vorbei!‘“ „Die New Yorker klappern mit allem was sie finden können, liegen sich in den Armen. Tausende versammeln sich auf dem Times Square.“
„Als an einer Kreuzung ein Postlieferwagen an einer Ampel hält, laufen einige auf den Fahrer zu und drücken ihm Blumen in die Hand. ‚USPS‘, skandiert die Menge. ‚Ihr habt mit den Briefwahlzetteln den Sieg geliefert‘, ruft ein Mann.“ - Und war der Brieffahrer hoffentlich nicht Trump-wähler.

Jetzt könnten die Leute, die fürs Einzelnstehen und Grundgesetz-Broschürenhalten festgenommen wurden, ihre Broschüren ungestraft in Menschenmengen verteilen, verteilt man sogar Blumen. Sie könnten den nächsten umarmen, schließlich ist’s für Biden. Massen ohne Abstände, einige ohne Maske oder mit heruntergezogener, hier kommt es bei der Seuche nicht so genau auf jeden einzelnen an, Befreiung von Trump - Befreiung von Corona. Wobei: Sollte Trump nicht weg, um strengere Corona-Maßnahmen zu ergreifen?

Aber noch ist nicht alles glatt, es gibt tatsächlich noch irgendwo die anderen, „trotzige Trump-Fans“, „Ungeachtet allen Jubels bleibt auch die Befürchtung, dass es doch noch nicht das Ende der Ära Trump sein könnte oder der erhoffte Wandel nicht kommt. Zwar blieben Unruhen bisher aus, aber trotzige Trump-Fans wollen die Wahl nicht verloren geben.“ ebd.

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7. November, „Halten Sie Abstand --- zum System!“

Ein Wochenende voll Hausaufgaben, Kaffeetassen und Pfeifenrauch, Lineare Algebra. Christoph, aus der Stadt zurück: Tausende, ach was, Zehntausende auf der Demo! Hier, ich hab im Turm ein Foto gemacht. Mindestens wie ´89! - Ach, stimmt ja, die Querdenker! Einen Schluck Kaffee nehmend und noch ein Stück Schokolade, grüble ich weiter: Wenn a wahr, b falsch, c falsch … Von der Straße Tösen, Trommeln, Pfiffe. - So viele Menschen, das glaubst du nicht! - Jemand klingelt an der Tür. Wie wir durch die Anlage sehen, nette Leute, Typ Buchhändler oder aus dem Teeladen oder der Sockenabteilung, ordentliche, in Aufbruchstimmung. Demonstranten? Kennst du welche oder klingeln sie einfach Leute raus? Wir gehen nicht ran, aber - sollen wir uns die Demo nicht wenigstens mal ansehen?

Unten angekommen, fällt der erste Blick mal nicht auf Polizeigewalt, sondern tatsächlich Demonstranten, dass ich kurz zweifle: Wirklich Querdenker? Nicht Black lives matter, oder fürs Klima? Polizisten, unmilitärisch, nebenbei. Der Zentrumsring voller Menschen mit Fähnchen, Trillerpfeifen, Kinderwagen, großen Bannern, Kerzen und Blumen, Hündchen, Rucksäcken, einem Rollstuhl, Fahrrädern, weißen Rosen, freudestrahlend: Frieden! Freiheit! Für unsere Demokratie, wir sind das Volk, für Menschenwürde, gegen Ausbeutung und Pharma-Kapitalismus, für die Einbeziehung des Parlaments, für die Idee des mündigen Bürgers, gegen Zensur, für Vielfalt und Meinungsaustausch, schon laufe ich mit, Christoph, eher entgeistert: Wir wollten doch nur gucken! Du läufst ja mit!

Wie überall ist Mitlaufen gar nicht so einfach, kaum ist man dafür, kommt irgendwo ein Spruch. „Die Kinder sind unsere Zukunft“. Das ist Unsinn. Bis Kinder groß und erfolgreich sind, um unsere Zukunft zu sein, sind wir alt. Und wozu der Egoismus? Nein, Kinder haben eine Zukunft, die wir jetzt gestalten, wir sind die Zukunft der Kinder. Lass uns nicht spitzfindig sein. Da fangen einzelne an zu brüllen, was sie Gesang nennen, wie im Fußballstadion: „Ooooh wie ist das schön, oooh wie ist das schööön“, gröhlend, eher in einer Art wie: „Verpisst euch“, als dass sie etwas Schönes meinen. „Sooowas hat die Welt noch nich gesehn, oh schööon …“ Christoph reißt aus. Vor mir zwei ältere Frauen stimmen in das Gebrüll auf ihre Art ein, brav, als wäre’s ein Kirchenchor: Ooooh wie ist das schööön, klingt jetzt, als hätten sie die Stube hübsch grün renoviert, ist mal was anderes, nicht? Neben mir ein drahtiger Vater mit Vorzeigekind, ebenfalls einstimmend, eine Gruppe Kerzenträger, offenbar alle.

Ich laufe mit Christoph vor, und springe wo anders wieder hinein. Christoph bleibt auf Abstand. Hier jetzt viele verhaltene, wache Augen, still staunend. Ja, die meisten, fast alle, rechtschaffene Leute, berufstätige mit starkem Geduldsfaden. Der ist noch nicht mal gerissen, man warnt nur. Manchem sieht man an, dass es ein Gebildeter sein muss, Arzt, Rechtsanwalt oder von der Uni. Alle Schichten sind hier vertreten, eine Gruppe gegen die Corona-Impfpflicht, die mir gefällt, in weißen Plastikanzügen mit Impfspritzen und Schildern über verkürzte Testphasen und Genmanipulation am Menschen, man lese den Mikrobiologen Clemens Arvay, und wer nicht lesen mag: Es gibt ihn auch im Youtube, wenn er nicht bald gelöscht wird.

Plötzlich buhen ein paar, hat irgendwer eine Feuerkerze am Straßenrand gezündet, zischende Flammen, zu Silvester das Harmloseste, ein kleines Fackellicht ohne Böllern und Krachen, doch hier, heute, als höchste Aggression gedeutet: Buuuh, wer war das?! Wenn das die Presse sieht, dann heißt’s nachher … Drei Männer versuchen’s erschrocken auszutreten, schütten ihre Trinkflaschen drüber aus, schießen’s in die Ecke, einer nimmt’s hoch und steckt’s in ein Gulliloch, damit es ersticken soll, riskiert seine Hand, als müsste man eine Bombe verhindern, Leute rufen: Nicht anfassen! Nehmt die Hände davon! Bis es endlich nach Sekunden des Schreckens von allein ausbrennt.

Christoph hat sich jetzt ganz verflüchtigt, außen Polizisten mit Demonstranten lustig am Plaudern, bis einer sagt: „Ey, jetzt geht mal weiter! Wir sind im Dienst. Eure Polizei demonstriert hier nicht mit euch, wir bewachen die Demo nur, kapiert!“ - Am neuen Rathaus Stau, die Runde über den Ring unterbrochen, von Polizei gesperrt. Die große bunte Menge wälzt sich statt dessen in Richtung Zentrum hinein, steckt in den viel zu engen Straßen fest, wie ein dicker Kater hinterm Sofa, der nicht mehr vor und zurück kommt. Man müsste, wie’s Sofa die Häuser abrücken, also wartet man, ich stelle mich zu einigen auf eine Bank mit guter Aussicht. Der neben mir, mit eingepackter Violine, beobachtet versunken den unversieglich nachkommenden Strom. Leute halten abgebrannte Wachsstummel in den Händen - wieviele Stunden sind sie schon am demonstrieren? Dialekte, vor allem Schwaben und Berliner. Sachsen habe ich in der ganzen Zeit noch keine wahrgenomen. Ein hagerer Mann in blonder Perücke, Minirock, Feinstrumpfhosen und High Heels schafft es, überall zu überholen, und etliche, immer mehr, schaffen’s vorwärts. Versuche ich’s auch mal, ach sieh an, sah enger aus als es ist, man kommt lockerer durch als auf einem Weihnachtsmarkt, viel lockerer. Alles wieder in Bewegung, Richtung Thomaskirche. Aus einem Fenster reckt jemand die Arme, drückt der Menge die Daumen und schüttelt Beifall bekundend die Fäuste, die Menge ruft freudige Grüße hoch, wir winken alle. Eine Frau neben mir singt laut: We are the world, we are the children … Vorbei am Italiener. Dieser Italiener, eigentlich eine Dreckbude, immer lebhaft besucht, seit dem Lockdown im Frühjahr verschwunden.

Etwas weiter wieder Leute in Fenstern: Ein Vater zeigt zu uns herunter, das kleine Kind lacht und zappelt begeistert. Eine Etage drüber ein Mann ganz aus dem Häuschen vor Freude, ein Araber, so in Bewegung kennt er die Deutschen ja gar nicht, ruft aufgeregt nach hinten ins Zimmer, seine Leute ans Fenster, winkt uns, und wir winken lange, Hunderte zu ihm hoch, erfreut, weil er sich so freut. Eine Stimme ertönt im Lautsprecher: „Achtung, Achtung, Sie sind aufgefordert die Abstände einzuhalten, halten Sie Abstand …“ - „Blödsinn!“ - „…zum System!“ - „Haha, ach sooo!“ - Trillerpfeifen, „Abstand! Halten Sie Abstand - - - zum System!“

Vorbei an der Thomaskirche. Man kann sich flüssig durch die Menge schlengeln - nicht wie im „Kaufland“ - und immer die Schilder auf den Rücken lesen: Wir wollen keinen Impfzwang! 1945 Menschenversuche, 2020 Corona-Impfung. Nicht unsere Kinder! - Wir sind Pfleger! Wir brauchen nicht euren Applaus und keine Ausbeutung! Liebe! Merkel muss weg! Wer fragt uns?

Am Marktplatz freudig und lustig vorbei an Polizei, die unter Kollegen ebenfalls ganz lustig ist. Da kommt Christoph und holt mich ab! Wie hast du mich denn hier gefunden?! Mir fällt ein, ich war vorhin beim Lernen, lesen, malen, schreiben - und dann noch demonstrieren, so lang ist der Tag nicht. Wir sehen der bunten Menge nach, Tausende Richtung Augustusplatz. Die Hainstraße und alles gleich neben der Prozession ist dagegen leer und still: Hier die Prozession, daneben leere Straßen, mit plaudernden Polizisten auf verstreuten Posten, ein paar Demonstranten auf dem Heimweg, Dunkelheit, Lockdown, das Zentrum einer Kulturhauptstadt.

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7. November, Wir sind „durchgeknallte, esoterisch verklärte, anarchisch-egoistische Corona-leugner, Chaoten“

Die Demo in den Medien:

„Sachsens SPD-Landesvorsitzender Martin Dulig hat ‚die Eskalation und das rücksichtslose Verhalten der sogenannten Querdenker‘ als ‚erschütternd‘ bezeichnet. Auf Twitter schrieb Dulig: ‚Coronaleugner laufen ungehindert über den Ring.‘ Und: ‚Das sind Chaoten.‘“

„Noch nie in meinem Leben habe ich auf engem Raum so viele durchgeknallte, esoterisch verklärte, anarchisch-egoistische Menschen gesehen wie heute auf dem Augustusplatz in Leipzig. Und wem haben die Bürger*innen Leipzigs das zu verdanken? Zuerst und vor allem denen, die in der Absicht nach Leipzig gekommen sind, ihre Verschwörungs- und Umsturzphantasien auf die Straße zu tragen.“
Christian Wolf Ev. Theologe und Ex-Pfarrer der Thomaskirche

„In einem Tweet kritisiert die SPD-Bundesvorsitzende Saskia Esken das Vorgehen der Polizei in Leipzig. ‚Insgesamt waren die Polizeikräfte mit der Situation heute völlig überfordert.‘ Für sie ist der Tag ‚eine Bankrotterklärung des sächsischen Innenministers und des Bundesinnenministers.‘“

„Der heutige Tag in Leipzig hat gezeigt, dass die sogenannten Querdenker gefährliche Rechtsbrecher sind, die zusätzlich noch von gewaltbereiten Faschisten durchsetzt sind. So ging von einigen Teilnehmern Gewalt aus, die sich gegen die Polizei, gegen Journalisten und die Teilnehmer an anderen Versammlungen richtete.“
Albrecht Pallas Innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion

„Gewalt einzusetzen war für uns nicht angezeigt.“
Torsten Schultze Polizeipräsident

Und das hat Konsequenzen:

„Für den linken Bundestagsabgeordneten Sören Pellmann drängen sich viele Fragen zur Einsatztaktik der Polizei auf. ‚Wesentlicher Bestandteil der Corona-Schutzverordnung ist, dass keine Demonstrationszüge stattfinden dürfen‘, sagte er. Zu beobachten sei dann gewesen, ‚dass es keinen Widerstand der Polizei gegen Durchbrüche und letztendlich illegalen Demonstrationen gab. Vielmehr wurde noch der Weg für diesen illegalen Aufzug freigehalten.‘ Für Pellmann reiht sich der Tag in Leipzig ‚in eine fast nicht enden wollende Kette des Versagens ein‘. Der Innenminister sei ‚mit seinem Amt gänzlich überfordert‘. Pellmann verlangt: ‚Herr Wöller, treten Sie zurück!‘“

www.mdr.de

7. November, Massive Angriffe

Was uns entgangen ist:

Um die Mittagszeit „Offenbar zahlreiche Rechtsextreme in der Innenstadt.“ „Reichsflaggen und kein Mund-Nasen-Schutz bei Demo.“

Demonstranten und Gegendemonstranten geraten aneinander, Polizei mit Pferdestaffel.
15.22 Uhr „Polizeisprecher Olaf Hoppe sagt, dass 90 Prozent der Teilnehmer auf dem Augustusplatz keinen Mund-Nase-Schutz tragen.“ „Die Polizei Leipzig bestätigt MDR SACHSEN, dass sich mittlerweile mehr als die ursprünglich zugelassenen 16.000 Demo-Teilnehmer bei ‚Querdenken‘ auf dem Augustusplatz versammelt haben. Die Versammlungsleiter hätten gegen 15 Uhr von etwa 20.000 Teilnehmenden gesprochen.“ Die Forschungsgruppe ‚Durchgezählt‘ der Universität Leipzig meldet später 45.000. „‚Das ist ein weiterer Verstoß gegen die Auflagen der Versammlungsbehörde‘, urteilt die Polizei.“

15:46 Uhr „‚Wegen Verstößen gegen die Auflagen hat die Stadt als Versammlungsbehörde die Demo auf dem Augustusplatz beendet'“

Es gibt Feuerwerkskörper auf der Straße, 17:30 Uhr, die „Leipziger Volkszeitung (LVZ) twittert, dass ‚rechtsextreme Hooligans und vermeintlich gemäßigte Demonstranten‘ die Polizeiabsperrung durchbrochen und überrannt hätten.“

„Gewalt einzusetzen war für uns nicht angezeigt.“
Torsten Schultze Polizeipräsident

18:25 Uhr „‚Die Attacken gingen im Wesentlichen von Teilnehmern der Coronaleugner-Demo aus‘, kritisierte Verdi.“ „Derzeit laufen laut Polizei Teilnehmer der ehemaligen ‚Querdenker‘-Versammlung durch die Stadt. Manche tragen Kerzen mit sich und Plakate, die wenigsten sind mit Mund-Nase-Bedeckungen unterwegs. Die Versammlungsbehörde hatte den Aufzug als ‚verboten‘ klassifiziert.“

20:50 Uhr „ ‚Querdenker‘ feiern sich. In der Grimmaischen Straße in der Innenstadt feiern ‚Querdenken‘-Demonstranten ihren Weg über den Ring und durch die Straßen als ‚Sieg‘. Dutzende Menschen klatschen zu Schlagermusik und tanzen Polonaise. Einzelne Deutschlandfahnen werden geschwenkt.“

21:10 Uhr „Brennende Blockade in Connewitz.“

Nach all dem, ich muss schon sagen: Schlimm genug, dass diese Familien, Arbeiter, Rentner, Pfleger und Gelehrte, mit Kerzchen und Protestschildchen Barrikaden gestürmt und Leute angegriffen haben, um dann mit mir gemütlich den Ring entlang zu spazieren, jetzt fahren sie schon, extra aus Schwabenland angereist, nach Connewitz und machen’s wie sonst dort die Linken, werfen Flaschen und zünden Barrikaden an!

9. November, Bidens Sieg, Erfolg bei Impfstoff, Börse feiert

Im Grunde ist alles falsch, was aus Trumps Munde kommt. Wenn Trump sagt, das Virus würde vorbeigehen und ein Impfstoff gefunden werden, ist das laut Tagesschau nicht wahr! „Er dürfte seine übliche Mischung aus Halb- und Unwahrheiten verbreiten: Alles wird gut, Covid-19 wird vorbeigehen - und das womöglich noch schneller, weil es ja bald einen Impfstoff gibt, sagte Trump dieser Tage.“
www.tagesschau.de, 29.9.

Aber das ist Schnee von gestern. Heute: Biden hat gesiegt.
„Biontech meldet Erfolg bei Impfstoff“
www.tagesschau.de
„Börse feiert Impfstoff-Party“
www.deraktionär.de
Trump: „Vom Weißen Haus ins Gefängnis?“
www.tagesschau.de

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14. November

„So viel hatten wir noch nie“ „Im Universitätsklinikum Dresden wissen die Ärzte kaum noch, wo sie die akuten Fälle unterbringen sollen. Die Zahl der Neuerkrankungen ist so hoch wie noch nie.“ „Sowohl in der Notaufnahme als auch auf den Stationen lägen Patienten auf den Fluren...“
„Krankenhäuser stoßen an Kapazitätsgrenzen...Viele Pflegekräfte krank - Intensivbetten gefragt ‚So etwas haben wir hier noch nicht erlebt‘“

Oh, verzeihung, ein kleines Malheur, bin ich doch beim Googlen im Datum verrutscht! Das ist schon zwei Jahre her, www.welt.de, 1.03.2018 und www.klinikum-bad-hersfeld.de, 15.03.2018.

Ich versuch’s nochmal:
„Kliniken schließen wegen Überlastung ihre Notaufnahmen“ „Mehrere Kliniken können wegen Überlastung zeitweise keine Patienten aufnehmen. “ „‚Es ist extrem schwierig im Moment. Uns ist keine vergleichbare Situation in dem Ausmaß aus den vergangenen Jahren bekannt.‘“
Und das überall! Siehe Frankreich: „Engpässe in Krankenhäusern. Mehr als hundert französische Krankenhäuser haben Probleme, Betten für alle Patienten zu finden. Geplante Operationen könnten verschoben werden.“
Ach Gott, schon wieder mein Missgeschick, das war alles schon vor drei Jahren! www.welt.de, 7.02.2017 und www.spiegel.de, 11.01.2017-

Nun mal im Ernst:
„In den besonders betroffenen Regionen sind viele Krankenhäuser bereits komplett dicht... ‚Die Notaufnahmen in Bayern sind alle komplett voll‘“ „So mussten in Braunschweig zwischenzeitlich Patientenbetten auf dem Flur stehen.“ „Außerdem werden in vielen Häusern seit Jahren Betten und auch Personal abgebaut.“ „Ende vergangener Woche seien wegen Überfüllung keine Aufnahmen in die internistischen Abteilung möglich gewesen.“ - Ach, das gibt’s doch nicht - Februar 2015? www.pharmazeutische-zeitung.de, Febr. 2015.

„Ärzte fordern OP-Stopp. ‚Die Zeit drängt‘: Ärzteverbände fordern die deutschen Krankenhäuser auf, verschiebbare Operationen während der Corona-Krise zu stoppen, statt diese aus Umsatzgründen weiter zu priorisieren.“
Jetzt, ja, ist’s richtig, sind wir bei Corona angelangt, www.tagesschau.de.

21. November

„Es ist schon verrückt, oder? Dass die Antifa plötzlich zum Verteidiger der rechtsstaatlichen Ordnung wird.“ Burkhard Jung, www.zeit.de, 12. Nov.

Endlich wird für Ordnung gesorgt. Die Polizei macht’s nicht, dann also die Linken. Einerseits das übliche Samstagstreiben der vielen Einkäufer und Erlediger. Andererseits ganz Connewitz im Zentrum.

Gebildet, zugreifend, jung, agil, wenn nicht weiblich, dann androgyn, vermummt oder maskiert, in schwarz oder grau oder, wenn sie gut drauf sind, dunkelfarbig, in schwarzen Stiefeln mit dicken Sohlen, bewegen sich in Gangs rennend und springend aus Gassen und Winkeln, durch Gebüsch und über die Hecken am Denkmal, heute zu Tausenden durchs Zentrum. Die größeren, schwereren, Männer, die mit riesigen Helmen und Waffen, die gehören nicht dazu, das sind Darth-Vader-Polizisten, rennen irgendwie hinterher, ein bisschen wie verzweifelte Eltern: Wo wollt ihr denn hin? Nicht da lang! Pascal, wie oft hab ich dir gesagt ... So furchteinflößend sie gegen uns schon waren, heute ist man dankbar, wenn sie ein bisschen auf die engagierte Jugend aufpassen.

Natürlich nicht autoritär. Die Studenten müssen sich frei entfalten und ihrerseits für Ordnung sorgen. Alles, was so an Querdenkern aus Schwaben und Berlin angereist sein soll, wie weg gefegt. Was den Querdenkern immer als Mangel anfhaftet, dass sie so kunterbunt und verschieden sind, diese, wie immer gesagt wird, Mischung aus irgendwas, ausgemerzt. Alles uniform und auf Linie, die Stimmen wie nicht aus tausend Köpfen, sondern einem, absolut einig, zusammen laut schreiend ohne Patzer im Takt: „Alerte, Alerta, Antifascista!“
Wie man versehentlich vor ihnen steht: Wir kamen entlang und stehen plötzlich, und ein Opi neben uns auch, wie Kolibris in einer schwarzen Raben-Invasion. Dass man nicht gleich ein Messer im Bauch hat, weil die Hose bunt ist. Oder in fortgeschrittenem Alter, ein „alter weißer Mann“, oder nur zu zweit, oder wenn so ein Ordnungshüter fragt, weiß man irgendeinen Code nicht oder hat keinen Nazis-Raus-Anstecker am Rucksack und ist deshalb automatisch Nazi.

Zur Vorbereitung auf unsere neuen Ordnungshüter: www.linksjugend-solid.de.
Eine Auswahl ihrer Schlachtrufe, die auch in Leipzig zu hören waren: Linksjugend Solid für Baden-Württemberg:

Christentum gehört schonmal getilgt, jede Religion: „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat!“
Gegen freie Sexualität: „Lieber queer und lebensfroh, als verklemmt und hetero!“, „Was kotzt uns so richtig an? Einteilung in ›Frau‹ und ›Mann‹!“
Gegen Staaten und Grenzen: „No nation, no border – fight law and order!“
Ich nehme an, man bricht einfach überall ein, okkupiert alle Länder, vernichtet Heiligtümer, bis alles eins und unterschiedslos sein soll, keiner Raum für sich hat, keiner etwas, das ihm heilig ist, nichts eigenes, Unantastbares, jeder kann wem alles nehmen, was er will, ohne zu geben: „Alles für alle und zwar umsonst!“, praktisch Raubbau an der Erde, obwohl: Selbst dafür müsste jemand arbeiten. Spätestens wer das Feld bestellt und Brot bäckt, hat sein Brot nicht für umsonst bekommen. Zu „alle“ gehört er schonmal nicht. „Für alle“ muss bestimmte meinen, für die es der Arbeiter umsonst macht.
Für Anarchie und Totalitarismus, totale Anarchie: „Li-li-libertad! Anarquiá total!“
Wobei nach dem anarchischen Recht des Stärkeren die Frauen profitieren sollen: „Gegen Staat und Kapital, für den Feminismus radikal“
Und einer ja darüber wachen muss, damit sich das durchsetzt: „Nieder mit dem Staat! Hoch das Syndikat!“
„Kapitalismus, scheiße wie noch nie! Für den Kommunismus und die Anarchie!“, beides gleichzeitig, wobei sich das Syndikat nimmt, was es möchte: „Miete verweigern, Kündigung ins Klo. Häuser besetzen sowieso!“, „Whose streets? Our streets!“
Was erlaubt ist: Versammlungen zu Tausenden ohne Andeutung irgendwelcher Abstände. Nein, nur weil Herr Jung sie jetzt dafür lobt, wie sie zur Verteidigung unseres Rechtsstaats gegen Querdenker vorgehen, sind sie nicht automatisch für die Corona-Maßnahmen, nur so für Masken.

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25. November, exponentielles Wachstum

Es läuft immer ein Aufseher die Zugabteile hoch und runter, äugt jedem einzeln auf die Maske, ob alles gut sitzt. Auch richtig früh am Morgen im Dunkeln sucht er gereizt die einzigen zwei Fahrgäste in den fünf Abteilen auf, ermahnt mich: Die Maske muss aber richtig auf! Natürlich, ich hatte vergessen: Es geht ja längst nicht mehr um Ansteckung.

Herr J. steht im Hörsaal vor den Studenten, und traut sich‘s kaum zu sagen, sagt es dann aber doch ganz, ganz schnell: Nämlich, dass wir nicht in einer Arbeit nachher schreiben, dass das exponentielles Wachstum sei. Es wird zwar täglich gemeldet, wir hätten da schon wieder das exponentielle Wachstum, das könnten wir da in der Statistik sehen, sagt die Wissenschaft, sagen alle Medien, sagt Drosten, zeigt man uns Kurven, und müssen wir deshalb Maßnahmen ergreifen. Aber er, beinharter Mathematiker und langjähriger Dozent an der Uni, kann sich nicht helfen, er sieht dort kein exponentielles Wachstum. Und wenn wir schreiben, das sei exponentielles Wachstum, würde er’s uns als falsch anmerken.

Wie auf glühenden Kohlen da vorn im Fokus aller Studenten fügt er laut noch hinzu, bevor es Steine hagelt oder Entlassung droht (so schreib ich hier auch keine Namen): Aber nicht falsch verstehen! Ich will hier gar nichts in Frage stellen. Keine Frage! Tragt Masken, bleibt auf Abstand, trefft euch nicht, denn wenn einer von euch, oder in eurer WG, oder in der Verwandtschaft, positiv getestet wird, müssen wir alle hier, der ganze Kurs komplett in Quarantäne, und wenn wir zehn Meter weit auseinander saßen. Versteht mich nicht falsch! Ich habe ganz großen Respekt vor Bill Gates [wie er auf den kommt?], was der alles für die Menschen geleistet hat und jetzt die Impfungen, wir müssen ihm dankbar sein. Es geht mir wirklich nur ums „exponentielle Wachstum“ - dass wir solches hier nicht haben. Aber sage mal im Alltag, dass wir in Mathe nicht schreiben dürfen, es handele sich um exponentielles Wachstum! Das sind doch offizielle Zahlen, ach, willst du damit etwa behaupten... ? Natürlich nicht. Die Qualitätssender haben immer Recht. Ich denke eher, man wird das an den Unis beheben müssen. Sobald das ein Problem wird, wird man die alten Lehrbücher ausmisten müssen, oder mit Kommentaren versehen: veraltet, falsche Exponentialrechnung! Etwa wie man schon anfängt, dass populus nicht mehr Volk heißen darf, da werden die Römer nichts von Völkern gewusst haben, und milites waren Soldat*innen.

Nein, ich will niemanden verärgern, aber wenn man in menschenleeren, weiten Museumshallen meint, ein einzelner in Maske wird eine Seuche auslösen, sobald er nicht auf den aufgemalten Pfleilen läuft, dann ärgert’s vielleicht garnicht, wenn man sagt, die Erde sei eine Scheibe ... Wenn ein einzelnes Pärchen am Bug einer Fähre bei Luft und Sonne im Wind Masken zu tragen hat ... Oder man die Maske auf dem Klo braucht, während nebenan in Düsseldorfer Massen-Kneipen zu zwanzig Arsch an Arsch gesessen wurde, Gruppe an Gruppe, besoffen über die Tische prustend, so etwas habe ich mein Leben nie gesehen, das gibt’s in unserer Gegend nicht, mit Polizei immer dabei, die sah: ist alles in Ordnung, weil alles im Rahmen der Maßnahmen.

„Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen
Sie sind aggressiv, sie wirken irre, und haben dennoch Zulauf. Verschwörungstheoretiker steuern zur Coronakrise bizzarre Fake-News, Gerüchte und Untergangsphantasien bei.“ www.tagesspiegel.de, 11.5.
„wer Verschwörungserzählungen konsumiert, hat was davon. Die Amadeu-Antonio-Stiftung erklärt das in dieser Broschüre ziemlich gut:
1. Sie stiften scheinbar Sinn und Erkenntnis.
2. Sie liefern leicht Identitätsangebote. Wer gut ist und wer böse, wird klar dargestellt.
3. Sie wirken manipulativ.
4. Und sie legitimieren bestimmtes Verhalten. Denn gegen Verschwörer*innen muss man ja was unternehmen.“

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Kaufland

Eben sagten die Medien, wie wir auf Demos Menschenleben gefährdet haben, aber neulich sind wir ins Kaufland, viel, viel dichter gedrängt, und hören nichts davon, dass wir jemanden gefährden. Das wäre etwas anderes, weil einkaufen muss ja sein. Wir waren in zehn Jahren drei mal überhaupt dort drin, uns wäre nicht eingefallen, dass wir dorthin müssen. Was schreib‘ ich immer von menschenleeren Discountern! Die Frau im Edeka hat die Schultern gezuckt, fürchtet Entlassung, der Laden baut ab, bestellt nicht mehr nach, weil die Ware verfällt, keine Kunden, wir dachten immer, alle wären online. Ich muss mich korrigieren, denn die Sache ist so: Wenn wir etwas sagen, bekommen wir’s von der Mehrheit um die Ohren, wir seien Gefährder. Und auch ist’s die Mehrheit, die sich ins Kaufland quetscht. Wir, die Minderheit, die Letzten in menschenleeren Discountern haben nicht wissen können, dass die Massen sich ins Kaufland stürzen und meinen, sie müssten das, sie müssten für Einkäufe Leben gefährden - Sie können nicht wie wir in den leeren Rewe oder Edeka. Nein, sie müssen es so unbedingt, dass das wiederum offenbar keine Leben gefährdet. Zwischen den Regalen mit verkeilten Einkaufswagen ohne Durchkommen braucht’s nicht mal die Berliner Polizei, im Kaufland drückt man sich selbst zusammen, und ist dann kein Esoteriker, egoistischer Impfgegner und Leugner, alles im Rahmen der Maßnahmen. Und diese Maßnahmen haben, woran kein Zweifel sein darf, gegen die Ausbreitung des Virus sehr geholfen. Sonst wäre alles viel, viel schlimmer gekommen, etwa, wenn in der menschenleeren, weiten Museumshalle hätte die Nase heraus gelugt.

„Nach einer Umfrage lehnt eine große Mehrheit der Bevölkerung Demonstrationen gegen die Maßnahmen zum Schutz vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus ab. In einer am Samstag veröffentlichten Befragung des Forsa-Instituts im Auftrag der Mediengruppe RTL gaben 91 Prozent an, kein Verständnis für die Proteste zu haben. Nur neun Prozent äußerten sich dem ‚RTL/ntv-Trendbarometer‘ zufolge zustimmend. Eine klare Mehrheit (87 Prozent) war auch der Meinung, dass die Menschen, die gegen die Maßnahmen auf die Straße gehen, nur eine Minderheit der Bevölkerung repräsentieren.“ t-online.de, 8.8.

13. Dezember, Arbeits-Quarantäne

H: Ich bin jetzt auch in Arbeits-Quarantäne. Ein Patient wurde positiv getestet, ich darf das Haus nicht mehr verlassen, nur noch zur Arbeit, bis über Weihnachten!
P: Wie? Und dein Test? Bist du positiv?
H: Der neue ist noch nicht raus, bisher immer negativ. Jetzt bin ich natürlich am Bangen! [Später wissen wir, dass bis zum 26.12., zum Ende der Quarantäne, alle Tests immer negativ ausgefallen sein werden. Ohne Corona also diese Geschichte]
P: Aber wieso sollst du zur Arbeit? Ich denke, Quarantäne?
H: Arbeits-Quarantäne, das Krankenhaus braucht doch Personal.
P: Ich versteh nicht, du bist also eventuell angeblich ansteckend, darfst deshalb die zwei Verwandten, gesunde, junge, nicht mehr sehen, aber sollst zur Arbeit, den ganzen Tag direkt an die schwersten Risiko-Patienten, auf der Intensivstation? Ich dachte, gerade die soll man doch schützen!
H: Jaa, aber bisher war ich negativ. Und trage Maske, natürlich passen wir auf, dass den Patienten…
P: Negativ, aber darfst nicht mehr das Haus verlassen? Und Kollegen? Darfst du in der Freizeit Kollegen treffen?
H: Nee, niemanden …
P: Aber du arbeitest doch den ganzen Tag mit ihnen zusammen! Nur in der Freizeit dürft ihr euch nicht treffen? Und einkaufen? Hast du genug zu essen? Ich komm‘ hin und kann dir was besorgen!
H: Ach wo, ich hab ja dafür Vorräte, und bieten alle Hilfe an. Die Nachbarn schon und K und … Ach, mach dir keinen Kopf, bin wirklich gut versorgt.
P: Aber spazieren! Im Dorf! Ich kann‘s nicht glauben! Wenn man da spazieren geht, sieht man doch auf Stunden keine Menschenseele! Im Wald! Zum See! Alleine! Du darfst nicht alleine in diesen gottverlassenen Wäldern … ?
H: Ach komm, wie sollen sie denn für jeden Ausnahmen machen? Der eine so, der andre so, …?
P: Aber …
H: Und wenn nachher Kontrolle ist, und hier das Amt anruft … Ich traue mich ja kaum in den Garten, wenn ich das Telefon dort nicht höre, die denken, ich wär nicht zu Hause …
P: … sagst, warst im Bad - obwohl! Es gab doch wirklich Artikel, ob es erlaubt sein soll, auf den Balkon zu gehen oder in den Garten - ich weiß nicht - weil das über die ganze Luft sich verbreiten soll, oder wie man sich das vorstellt. Und liest man immer, Quarantäne-Verweigerer in die Psychiatrie, und Bußgelder: der halbe Monatslohn weg! Aber im Wald! Dich sieht doch keiner!
H: Und wenn doch mal?
P: Denunz … ja oh, was da zu lesen ist! Was die Leute alles denunzieren!
H: Zum Glück darf ich noch zur Arbeit. Andre Berufe haben das nicht, und kommen dann wirklich gar nicht mehr aus dem Haus. Jetzt hatt ich frei, und nur drin sitzen, ich dacht schon, Thrombose - taten mir die Beine weh! Und halt ich natürlich die Nase aus dem Fenster und gucke über den Acker, aber immer alleine, ich werd depressiv. Und wie ich hörte, bis über Weihnachten, hab ich geheult.
P: Und das nennen die Gesundheit? Du sprichst auch immer noch völlig verschnupft, ist das noch dein Infekt?
H: Ach was? Nee, ich merke das kaum noch.
P: Ich berke dad kaub doch?
H: Das haben doch alle von den Masken. Die Kollegen, das geht seit Monaten nicht weg. Wir müssen immer mit diesen dichten FFP2-Masken, da kannst du wirklich schwerer atmen, zwischen den Patienten-Zimmern herumhetzen und immer die eigene Luft einatmen, nach acht Stunden bist du fertig, sogar die Jungen! Was sollen wir Älteren sagen?
P: Mit dem Schnupfen hast du doch so schon weniger Luft. Lass dich krank schreiben!
H: Nee, immer zu Hause halt ich nicht aus.
P: Du musst an die Luft! Nicht nur arbeiten in der Klima-Anlage und dann zu Hause sitzen.
H: Oh, als ich das letzte mal spazieren war, ich sag dir, der Infekt war wie weg geblasen, völlig freie Nase, durchlüftet, gleich richtig gesund gewesen! Am nächsten Tag wieder Arbeit, ganzen Tag Maske, war der Infekt wieder da. Die Kollegen genauso: Kopfschmerzen, Herzrasen, der einen ist immer schlecht, Kreislauf, kippt uns fast um. Sagen alle, wir bekommen nachher eine steife Lunge wie die Raucher. Und die Testerei! Mal geht ja, aber alle paar Tage das Gebohre immer so tief rein, mir graut’s davor! Die Kollegin wird ihr Nasenbluten gar nicht los.
P: Und was ist, wenn deine Quarantäne vorbei ist, und es wird wieder irgendeiner positiv getestet? Hast du dann gleich wieder Arbeits-Quarantäne? Am Ende über Monate, oder wie stellt man sich das vor?
H: Joa, aber spätestens dann halt ich’s nicht mehr aus. Sind schon viele Kollegen, die melden sich krank. Manche mussten in Quarantäne, hatten ausgerechnet da Urlaub - also immer nur arbeiten, und im Urlaub darfst du wochenlang nicht vor die Tür, manche mit Kindern die ganze Zeit im Zimmer - waren völlig erledigt, und danach wieder Schichtdienst, haben den Urlaub nicht nachholen dürfen. Seitdem melden sie sich krank, damit der Urlaub nicht verfällt.
P: Melden sich krank wegen Corona und sind gesund, nur in Quarantäne?
H: Was soll man denn machen?
P: Und die Statistik? Sind das Corona-Kranke?
H: Au weia, wer weiß … Aber das Hauptproblem ist ja jetzt die Impfung. Zuerst sollen die Alten, und dann das Personal. Bin gespannt, ob sich wer freiwillig meldet. Wenn die Leitung von uns verlangt, dass wir das machen müssen, dann sollen sie mich kündigen. Bin eh nun sechzig, die Jahre bis zur Rente, wer weiß, ob man die überhaupt durchsteht. Habe mal den Oberarzt gefragt, würde er sich etwa impfen lassen? So und so, sagt er, er würde noch ein ganzes Weilchen abwarten. Man weiß ja noch gar nicht die Folgen. Und der andere, der regt sich doll auf, was die Maßnahmen für Schäden anrichten, der Kollateralschaden an der Gesundheit wär jetzt schon viel größer als der Nutzen, der ist auch ganz vehementer Gegner der Maßnahmen.
P: Habt ihr eigentlich endlich mal den Bonus bekommen, der so groß in den Medien herum verkündet wurde?
H: Haha, schön wärs! Na, und wenn! Die Tausend Euro, weißt du, da arbeiten wir tags und nachts und dürfen die Masken garnicht absetzen, werden krank, sind einem erhöhten Ansteckungs-Risiko ausgesetzt, müssen nachher die Impfung testen, haben Arbeits-Quarantäne, dürfen die Verwandten nicht sehen, kein Ostern, kein Weihnachten, kein Silvester - Tausend Euro, ALSO WEIßTE! Aber die stehn in den Sternen!

14. Dezember, Jeder einen Einkaufswagen!

Diesmal sind wir mit Trolley. Ihr wisst schon: Wie uns der Laden mal ermahnt hat beim Kauf der Tüten, wegen der Umwelt. Da hat man einmal den Trolley nicht dabei!

Heute also mit Trolley. Problem mit Tüten schonmal nicht. Aber jetzt: erster Hard-Lockdown-Tag, alles rundherum dunkel und nur die Discounter noch hell, kaum einer auf der Straße, und wir, statt online, maskiert im Eingang, gleich von der Kasse angefaucht, wie ein Kind mit Modder-Schuhen auf weißem Teppich: „JEDER MIT EINEM EINKAUFSWAGEN! JEDER!“ Setze ich den Trolley umständlich in den Wagen, damit nicht einhändig Wagen, und mit der andern Trolley um die Ecken - wie die Frau uns da anguckt! Nächstes mal doch wieder Tüten?
Kurze Zeit später nebenan eine Mitarbeiterin am Räumen, ich weiß nicht, warum dieser Blick, starrt sie uns immer an … böse ist gar kein Ausdruck, und dann: „SIE MÜSSEN JEDER EINEN WAGEN HABEN, DAS WISSEN SIE!“ - Äh, ja, was? - „JEDER! Sie brauchen zwei Wagen!“ - Na haben wir doch (steht direkt neben mir an der Ecke, ich deute hin). - „Sie haben nur EINEN Wagen (deutet auf Christophs). Gehen Sie nach vorn und holen Sie sich noch einen!“ - Wie? Aber wir haben doch hier zwei. - „Sie haben EINEN Wagen.“ Nein, wir haben jeder einen Wagen. - „Sie brauchen ZWEI !“ - Ja wir haben doch … sie lässt es nicht gelten. Unsere zwei Wagen gelten irgendwie nicht als zwei Wagen. Da ist schwer zu diskutieren, drehe ich eben um und hole noch einen.

Wie ich dann schon zwei Wagen schiebe, und Christoph den dritten mit Trolley, kommt ein Herr Mitarbeiter, böse: „Hallo! Wozu denn hier drei Wagen?!“ - Weiß nicht, fragen Sie die Kollegin. - „JEDER EINEN WAGEN!“ - Ja, so hatten wir’s gehabt, aber ließ man nicht gelten. „Stellen Sie den Wagen wieder zurück. Es soll hier jeder EINEN haben.“ - Ja, aber Ihre Kollegin... - „Doch nicht drei!“ - Da ist die Kollegin wieder: „Ich habe den Herrschaften gesagt, JEDER EINEN WAGEN!“ - Mir reicht der Unsinn, man wird doch verrückt. Schon dampfe ich ab, höre noch hinter mir: „Sie müssten doch soweit denken können, dass Sie keine drei Wagen brauchen!“ Christoph: Ja, wir können sogar soweit denken, dass wir auch keine zwei Wagen brauchen. „Doch, Sie brauchen ZWEI Wagen!“ - ich warte draußen vor der Tür. Paar Sekunden, kommt auch Christoph. So hat’s uns einen Abend zum Albern beschert. Was soll man denn sonst, als Lachen?

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15. Dezember, Triage

Bisher war es so, dass nach Zustand des Patienten und Erfolgsaussicht entschieden wird. Jeder hat das gleiche Recht, nicht der Reichste zuerst, der Beliebteste, Alte besser nicht, Penner schon gar nicht. Egal welche Religion, welches Alter, Geschlecht, Meinung, Orientierung. Nicht so, dass ein Verzweifelter, der sich selbst kaputt gesoffen und geraucht hat, hintangestellt wird. Oder einer, der sich selbst die Silvester-Rakete leichtsinnig ins Gesicht gesprengt hat, oder selbst Schuld am Auto-Unfall war, oder Selbstmordversuch - oder was sich alles an Kategorien augedacht wird.

Ab heut ist alles anders:
„Jurist: Recht erlaubt, Corona-Leugner bei Triage zu benachteiligen“, www.t-online.de.

Auch sie zahlen in die Krankenkasse, nach selbem Prinzip wie alle: auch für andere. Es wird dann so sein, dass der "Leugner" etwa für all die Kranken einzahlt, die sich fahrlässig durch falsches Essen ruiniert haben, aber diese zahlen nicht für den "Leugner". Man kann willkürlich Lebensweisen festsetzen, und bestimmen, welche für die andre zahlen muss.
Aber wer ist "Leugner"?
Es sind auch Krankenschwestern dabei, die Maßnahmen ablehnen, die auf diese Demos gehen, haben selbst Corona-Patienten, manche Corona gehabt, machen Abstriche für Tests, tragen den ganzen Tag Maske, wissen doch, was Corona ist, aber gehen auf diese Demos, um sich „Leugner“ schimpfen zu lassen, sodass sie, nachdem sie ihr Leben lang Kranke retten und pflegen, nachher benachteiligt werden können, weil sie jetzt die falsche Ansicht vertreten.
Woher weiß der Arzt, wer "Leugner" ist? Erfolgt vor der Behandlung eine Art Bekenntnis, Beichte oder Buße? Kann sich einer kurz vorher schnell noch "taufen" lassen? Sollen wir die Kirchenväter noch mal zu Rate ziehn?

16. Dezember, Ein Lichtblick

Marienhaus schließt Krankenhaus Losheim
St. Hedwig-Klinik schließt am 20. Dezember
Das Vincenz-Krankenhaus in Essen-Stoppenberg schließt zum Jahresende 2020
Asklepios-Gruppe verkündet Aus für Reha-Klinik in Seesen
Oberkircher Krankenhaus droht das Aus
Schließungen von Frauenkliniken und Geburtshilfestationen und Auswirkungen auf die medizinische Nahversorgung
Das Vivantes-Wenckebach-Klinikum in Berlin-Tempelhof wird künftig keine Patienten mehr stationär versorgen
Versorgung in Kinderkliniken ist „akut gefährdet“ – weitere Schließungen möglich
Lehniner Krankenhaus schließt Anfang 2021
Krankenhaussterben: Jetzt Politik gefordert. Das Kliniksterben geht unvermindert weiter.
www.medconweb.de

Oh, nicht dass es zu Missverständnissen kommt: Das ist alles eine gute Sache. Die Kliniken sollen sterben, schon lange:
„Die Bertelsmann-Stiftung hat gestern empfohlen, die Zahl der Kliniken in Deutschland von 1.400 auf deutlich unter 600 Häuser zu reduzieren.“ www.aerzteblatt.de, 16. Juli 2019.
„Zu viele Häuser, zu viele Betten, zu hohe Kosten.“ www.merkur.de.
„Patientenschützer und Ärztevertreter warnen vor der flächendeckenden Schließung von Krankenhäusern in Deutschland.“ www.zdf.de, 15.07.2019.

Heute alles beim Alten:
„Während sich die deutschen Krankenhäuser auf steigende Zahlen von COVID-19-Patienten in Herbst und Winter vorbereiten, wird die Diskussion um den Abbau von Krankenhauskapazitäten zunehmend lauter geführt. So erklärte der Gesundheitsökonom Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin in einem Interview mit der taz, dass aus seiner Sicht etwa 800 der 1.400 Akutkrankenhäuser in Deutschland verzichtbar seien.“ www.aerzteblatt.de
„Statt von der Schließung bedrohte Krankenhäuser aufzufangen, wird noch Geld für Schließungen und Bettenabbau gezahlt.“ „Was wir brauchen, ist ein Krankenhaus-Rettungs-Gesetz.“ www.pressenza.com

Vor wenigen Monaten, in Erwartung der sogenannten zweiten Welle:
„Trotz steigender Infektionszahlen halten deutsche Kliniken einem Bericht zufolge auf ihren Intensivstationen weit weniger Betten für Corona-Patienten frei als noch vor einigen Wochen und Monaten. Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, hält das auch für richtig: ‚Trotz leicht angestiegener Infektionszahlen gab es keine erhebliche Belastung der Intensivstationen‘, sagte Reinhardt der ‚Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung‘“, „Eine Mindestquote sei zwar nötig. Die Kliniken hätten aber genügend Zeit und Erfahrung, um ihre Kapazitäten hochzufahren, wenn es wieder mehr Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf geben sollte.“ www.aerztezeitung.de, 20.09.2020

Insofern perfekt, perfekt, alles im Griff! Ups, Lockdown? Pleiten? Notstandsgesetze? Haben wir irgend etwas verpasst? Nein, nein, ist schon richtig so:
„Ende Oktober haben die Bundeskanzlerin Angela Merkel und die MinisterpräsidentInnen der Bundesländer einen zweiten Lockdown verabschiedet, um der Überlastung im Gesundheitswesen, insbesondere in den Krankenhäusern vorzubeugen. Gleichzeitig fördern der Bund und die Länder die Schließungen von Krankenhäusern. Das Förderprogramm zum Abbau der Kapazitäten in der stationären Versorgung läuft seit 2016 und wird trotz der Corona-Pandemie nicht ausgesetzt.“ www.lokalkompass.de, 10. Dezember 2020

Ja wenn das so soll, prima … ein Lichtblick zu Weihnachten, wenn alles so gut im Lot ist.
„Jurist: Recht erlaubt, Corona-Leugner bei Triage zu benachteiligen“, www.t-online.de.

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19. Dezember, Was ist normal?

Samstag vor viertem Advent. Noch im Bett immer wieder Sirenen. Wie gestern schon. Keine Stimmen, kein Auto, keine Schritte auf der Straße, nur immer Sirenen. Tags so weiter, nachmittags gleißende Sonne und zappelige Beine, gehen wir raus. Aber man überlegt sich’s nochmal, weil: Die ersten sichtbaren Menschen sind Polizei, direkt vor dem Haus. Schnell Maske auf, bevor es was kostet. Und auf der Straße: Polizei. Gegenüber am Markt! Und an der Ampel wieder. Bei jedem Schritt und jedem Blick! Die Chance erwischt zu werden ist groß, weil so wenig Passanten. Wieso erwischt? Man darf doch einkaufen? Ja, und wie willst du das beweisen? Christoph hat einen Schein von der Uni, dass er wegen der Uni das Recht hat, über die Straße zu laufen. Mach dich nicht so auffällig, wie du da Richtung Polizei guckst, werden die dich gleich prüfen. Der Wochenmarkt ist so von Polizei bewacht, dass wir lieber einen Bogen drum herum gehen, sonst macht man sich am Käse strafbar. Denkt manch andrer wohl auch, weil so gut wie niemand auf dem Markt ist, laufen alle einen Bogen drum herum. Wir schlüpfen ins Center. Ob das überhaupt erlaubt ist? Dann hätten sie lieber die Halle schließen sollen, damit man sich nicht versehentlich strafbar macht. Rollläden unten, Gitter vor Fenstern, rote Schilder: Reduziert. Die Schriftgröße wächst parallel zum Notstand: Rabatt 50%, Räumungsverkauf, wir sind für Sie da, blinkende Lichter, Weihnachtsbäumchen, aufgeklebte Pfeile, Absperrbänder. Warte doch mal, nur kurz ein Foto! Christoph eilig: Du kannst hier nicht immer stehen bleiben, dann kommt gleich einer. - Wir äugen hinter uns, vor uns, aber haben doch Gründe vorzuweisen, Flaschen weg bringen, neue Brille, zur Bank, oder die Zwiebeln sind aufgebraucht. Also, wenn du schon immer Fotos machst, dann bitte im Gehen! Man darf sich nicht aufhalten. Ein Blick aus der Glastür: Polizei-Auto. Ein Schritt durch die Glastür: Neben dem Polizei-Auto noch ein Polizei-Auto. Weiter von der Glastür weg: Neben dem Polizei-Auto noch ein … und noch ein … ach du Gott, die ganze Straße!

Christoph muss zurück ins Center, ich warte … warte, blöd, wenn es verboten ist, sich aufzuhalten. Wie Polizei da lauert, seh‘ ich mich schon in Gewahrsam, weil ich mich nicht hätte aufhalten dürfen, und Christoph nachher sucht mich dann, und ich habe noch sein Handy in meiner Tasche! Aber als er zurück kommt, bin ich immer noch hier - er aufgeregt, weil so viel Polizei das Klo bewacht. Aber wenn man sich langsam vortastet, ist doch einiges erlaubt: Sitzt jemand auf einer Bank mit Maske runter, am Essen.

Am Rathaus, unglaublich, hat man so einen Weihnachtsmarkt gesehen? Zwei Hüttchen waren ja erlaubt, und der Weihnachtsbaum. Samt Weihnachtsschmuck war erlaubt. Aber die Hüttchen sind jetzt dicht gemacht, mit Polizei drum herum, als wenn sie in vernichtendem Schlag eine Burg erobert hat. Jetzt fotografier‘ das doch nicht! Die sprechen uns gleich an und wir werden hochgenommen. Handy schnell wieder in die Tasche. Ein Polizei-Auto fährt vorbei, Sicherheitsdienst hinterher, Krankenwagen. An vielen Ecken zur Polizei immer ein Krankenwagen. Vielleicht ist das gar keine Drohgebärde gegen die Bevölkerung, vielleicht, weil ja die meisten für mehr Kontrolle sind, ist das beruhigend gemeint: Seht, falls einer von euch Corona hat, an jeder Ecke ein Rettungswagen. Und Polizei, falls wer es leugnet.

Einige, nicht solche Schisshasen, stellen sich direkt vor die Polizei-Hochburg und machen Fotos. Ach, so kann man’s auch betrachten: Polizei als Touristen-Attraktion beugt sich in ihre Handy-Spiele, damit nicht den ganzen Tag ihre Gesichter auf all die Fotos kommen.

Wir wollten eigentlich gar nicht zum Augustusplatz, mit vollen Einkaufstaschen, aber wenn ein Mikrophon so weit bis hierher schallt - was, heute ein Mikrophon? - biegen wir ab, nachsehen. Eine Rede. Wie kann das erlaubt sein? Man traut sich kaum, einen Bogen zu weit zu laufen, weil nicht aus triftigen Gründen, und hier: eine Versammlung, Hunderte! Polizei entspannt daneben. Plakate gegen die Maßnahmen, wie kann das sein? Querdenker? Aber so viele junge? „Wir müssen stark werden … Klassenkampf gegen den Kapitalismus.“ - Links-Jugend also. „Wenn die Bevölkerung nicht aufsteht … Widerstand … Weil Querdenker Corona-Leugner sind, ist diese Bewegung für uns keine Option. In Afrika sterben die Menschen reihenweise.“ Unser Tiefgekühltes taut, machen wir uns auf den Rückweg, wobei immer mehr entgegenkommen. Die Stadt füllt sich, und wir in die falsche Richtung. Schwarze Masken in schwarzen Kapuzen, schwarzen Jacken, schwarzen Hosen, schwarzen dick besohlten Stiefeln.

Am Markt jetzt auch: schwarz vermummte, schlanke Jugend zu viert oder fünft zur Eröffnung noch einer zweiten Versammlung mit großen Plakaten: „Impfpflicht für Alu-Hüte!“, Impfen als Strafmethode? Laute Musikboxen, eine Art Kampf-Rap zum Städte niederreißen und Leute aufhängen. Ziemlich gereizte Jugendliche am Herumspringen, nah am Brüllen und Zugreifen, weil man hinkuckt, oder weil man nicht hinkuckt, man weiß nicht, wie man’s am besten machen soll, um sie nicht zu provozieren. Polizei rundherum, immernoch ruhig, alles in Ordnung. Ich sag ja, wenn man sich allmählich vortastet, ist doch alles erlaubt, Versammlungen zu Hunderten, Partys, Plakate. Wovor haben wir Angst gehabt? Es muss nur jemand den Anfang wagen. Hainstraße, viel Links-Jugend, vor uns Dreie am Hampeln und Brüllen, dass wir versuchen, sie nicht durch unsere Anwesenheit zu reizen, falls wir versehentlich wie sogenannte Impf-Gegner aussehen sollten.

An der „Blechbüchse“ Klärung der ganzen Sache, von wegen alles erlaubt: Eine dünne Stimme regelrecht um Hilfe rufend, wir reißen die Augen auf, suchen, weil kaum Passanten. Fünfzig Mann schwer bewaffnete Polizei wohlgefällig, breitbeinig. Woher die Stimme? Dort ganz am Rand! Fünf Polizisten in Aktion, einer mit scharfem Hund, pressen ein helles Figürchen an die Mauer. „Ich habe doch garnichts gemacht!“ - Was wird er gemacht haben? Mehren an ihm herum. Zwanzig schirmen ihn ab. Man muss immer unwillkürlich denken, die hätten keine Ausbildung gehabt, weil so ein Kerl in Rüstung und schweren Waffen, denkt man, müsste doch alleine mit einem unbewaffneten, alten, kleinen Männlein zurecht kommen. „Was soll das? Ich mache doch nichts!“ - Es keucht und ächzt, als Laie sieht man nie, was diese Polizisten in ihrer Mitte immer so lange für ein Gewese machen, als wenn sie die Handschellen nicht finden oder einen Patienten physiotherapeutisch verrenken, oder als ob sie einen Vogel beringen üben, wobei der Vogel aber ganz still hält. „Au! Lasst mich doch in Ruhe! Ich habe nichts gemacht!“

Wir sind vielleicht fünf Passanten, die wie angewurzelt hinstarren. Vielleicht nochmal fünf, die die Beine in die Hand nehmen mit Blick weg, bevor man sie fürs Gucken verhaftet. Und eine Familie, die gerade eintrifft. Das kleine Mädchen, entsetzt, das wird sie bis neunzig nicht vergessen, von der Mutter eiligst weg gezogen, die hätt’s am liebsten rückgängig gemacht. Ist kein Film mit Warnung: Erst ab 18! Die Polizisten treten dem Mann zu zweit mehrmals in die Kniekehlen, ein Gerumpel, bis es ihnen gelingt, dass er einknickt und schlapp in ihren Armen hängt. Lassen ihn auf den Asphalt sinken, eine Hundekack-Ecke. Immer noch nicht gefesselt? Alles so leise, nur das: „Lasst mich in Ruhe! Ihr seid doch asozial!“ - Sie flüstern etwas, er ruft: „Asozial ist keine Beleidigung!“. Beamte sind schnell beleidigt. Eine alte Frau mit verkrampften Augenbrauen über der Maske, dass die Augen ganz tief verschwinden, merkt nicht, wie klein sie mitten in der Polizistenwolke steht. Werden ihr hoffentlich nichts tun! Ein Polizist, von jemanden gefragt, sagt achselzuckend, sogar ein bisschen amüsiert: „Tja, warum benimmt der sich auch nicht normal wie alle anderen Leute auch?“ Normal? Meinen sie, zu Hunderten schwarz vermummt Party machen, herumbrüllen und Impf-Pflicht als Strafe androhen? Oder geduckt herum schleichen? Wie alle anderen? Was ist normal?

Und nun wieder zu Hause im engen Zimmerchen. Zum vierten Advent. Das war frische Luft schnappen.

20. Dezember, Soll ich es einfach versuchen?

H: Wie machen wir’s nun? Meine Arbeits-Quarantäne ist bis 26., über Weihnachten eh Schichtdienst, danach dann frei, da könntest du kommen. Haben uns ja lange nicht gesehen!
P: Ja, aber stimmt es, dass wir in Leipzig nur 15 Kilometer von der Haustür weg dürfen?
H: Ich halt’s nicht aus!
P: Na, ich weiß es nicht, beim letzten Lockdown gab’s doch Kontrollen und Anzeigen, weil Leute am Cospudener See über die erlaubten Kilometer gekommen sind.
H: Arbeitsquarantäne, Schichtdienst, wochenlang keinen sehen, und nach Weihnachten ist’s auch wieder verboten! Denkt kein Mensch mal an die Pfleger? Jubeln und Applaudieren, aber wir dürfen nichtmal Weihnachten nachholen!
P: Wart, ich les mal vor: Kontaktbeschränkung Paragraph Zwei. Wer zusammen wohnt, darf sich zu Hause gemeinsam aufhalten, auch in Begleitung mit dem Partner.
H: … Wie jetzt?
P: Steht hier wörtlich: Der Aufenthalt in der Öffentlichkeit und privat in der jeweiligen eigenen Häuslichkeit ist zulässig mit den Angehörigen des eigenen Hausstandes, in Begleitung der Partnerin oder des Partners, Verordnung des Freistaates Sachsen vom 11. Dezember
H: Ich werd verrückt!
P: … und einigen andern, sowie Angehörigen eines weiteren Hausstandes bis insgesamt fünf Personen, Kinder nicht gezählt. Auch außerhalb von Weihnachten. Na dann, also dürfen wir uns besuchen!
H: Na bitte.
P: Und Weihnachten sind sogar Freunde erlaubt, und Geschwister, bis über fünf Personen und über zwei Hausstände - offenbar unbegrenzt? So viele waren wir unser Lebtag nicht! Also alles wie immer, nur extra verordnet … Aber nur Weihnachten, nur vom 24. bis 26. Dezember. Am 27. dann, Sonntag, nichts mehr, und danach Ferien. Weil also Ansteckung nur bis 26. erlaubt ist, stopfen sich pünktlich am Samstag alle gleichzeitig in die Züge. Dass sich’s bloß nicht wie sonst normalerweise über die Ferienwoche verteilen würde. Ist doch so: Alle, die sich sonst erst nach Weihnachten besucht haben wie wir, du mit Schichtarbeit, was ja den Verkehr entzerrt hat, haben jetzt in den größten Verkehr rein zu müssen und besuchen sich eben trotz Arbeitstag - für die Freizeit, wenn man Schluss hat.
H: Na wenigstens hieß es, dass ein paar mehr Züge eingesetzt werden.
P: Aber wer denkt sich so einen Irrsinn aus? Man will nichts unterstellen, … aber wenn nicht Blödheit, bleibt nur noch übrig Absicht. Wie in Berlin, wo die Polizei alles zusammenpfercht und danach die Demo verbietet, weil gegen das Abstandsgebot verstoßen worden sei. Will man auch nicht unterstellen, aber eins muss es ja sein: Blödheit oder Absicht.
H: Du liebe Güte … Quarantäne, Schichtdienst, und Weihnachten nachholen darf man auch nicht!
P: Naja, zwei Hausstände, muss man mit jedem einzeln nacheinander … Aber unser Problem in Leipzig ist: Irgendwo stand, nur 15 Kilometer. Wir kommen aus Leipzig nicht raus. Das ist doch das Problem.
H: Meinst du wirklich? Kann ja nicht sein, erzählen doch alle, wie sie von sonstwo anreisen!
P: Ich suche grad, wo steht’s noch gleich … folgende Ausgangsbeschränkungen: Das Verlassen der Unterkunft ohne triftigen Grund ist untersagt. Ist die Frage, ob bei der Mutter übernachten ein triftiger Grund ist. Triftige Gründe sind: Erstens die Abwendung einer Gefahr für Leib, Leben und Eigentum, also wenn’s brennt, darfst du schon noch aus dem Haus raus, per Verordnung, also nicht selbstverständlich. Und zweitens zur Arbeit darfst du, drittens Kind zur Schule und Kita, viertens um Grundversorgung kümmern, offenbar auch nicht selbstverständlich.
K: Grundversorgung! Wenn’s konsequent wäre, dürften wir nicht zum Bioladen Marmeladen-Döschen holen.
H: Klar, fehlt noch die Verordnung 20g Butter, Salz, Brötchen, obwohl, geht auch ohne Brötchen. Ach, Feuerwehr und Notarzt sind erlaubt: zum jeweiligen Stützpunkt oder Einsatzort.
K: Dass die mal nicht einen Umweg fahren!
P: Sechstens, man darf zum Arzt. Oh und sieh mal: der Besuch Angehöriger der Heil- und Gesundheitsberufe, ich darf dich besuchen! Obwohl, nur soweit dies medizinisch erforderlich ist
K: Unsinn! Wahrscheinlich Genitivus Subjektivus, nicht, dass du eine Krankenschwester besuchst, sondern sie kommt zu Besuch. Krankenbetreuung.
P: Ach so, na Hauptsache Bußgeld, wenn man den Text nicht verstanden hat. Achtens, Ehepartner darf man besuchen - Mutter etwa nicht? Neuntens Gerichtstermine, Zehntens Gremien, und so weiter, ich weiß nicht, scheint gar nicht in Betracht zu kommen.
H: Na toll. Du, die anderen sind auch nur am Diskutieren, seit Wochen, ob die Tante dabei sein darf, ob erst die einen, danach die anderen, was ist, wenn man nicht verheiratet ist, oder Halbgeschwister. Aber irgendwo sag ich, lasst mal die Kirche im Dorf.
P: Ja eben. Aber wenn’s direkt schwarz auf weiß steht, und die Verordnungen sind ja nicht aus Jux. Kann man nur hoffen, dass keine Kontrolle ist.
K: Und Denunziation!
P: Und ach, haha, wartet, hier ist’s: 12. Zusammenkünfte und Besuche nach Paragraph zwei Absatz eins, eins a und eins b sind auch triftige Gründe! Ich darf dich besuchen! Aber, ja, wenn doch nur 15 Kilometer weit, wie soll man sich da …
H: Aber meinst du denn wirklich, da kommt Kontrolle?
P: Im Zug? Klar, Fahrkarte! Die letzten Male lief ein Wächter die Abteile hoch und runter, ob jeder die Verordnungen einhält. Und wenn ich da aus Leipzig über die 15 Kilometer drüber...
H: Ja, da müsste man Autofahrer sein.
P: Ach wo, steht ja L auf dem Nummernschild! Kam doch in den Medien, Straßensperrung und Kontrollen beim ersten Lockdown schon. Obwohl, Moment, Moment mal! Hier ist ja … Mir fällt grad auf, 15 Kilometer steht genau genommen nur bei Grundversorgungen und Sport und Bewegung im Freien. Bei allen anderen triftigen Gründen steht garnichts von 15 Kilometern.
K: Quatsch! Natürlich bezieht es sich auf alles, wenn das irgendeinen Sinn machen soll. Ist doch logisch.
P: Aber rein rechtlich kannst du nicht einfach was andichten, nur weil’s logisch wäre. Denkt sich jeder was andres. Wenn’s zum Prozess käme, gelten doch die Verordnungen, wie sie da stehn! 15 Kilometer nur bei Sport und Grundversorgungen. Für alles andre steht nichts. Aber vielleicht hast du recht. Also ehrlich gesagt, ich werd nicht schlau draus, und nachher Bußgeld?
H: …
P: Ich meine ja nur, dass wir mit Bußgeld rechnen müssen, paar Tausend?
H: Alle rundrum treffen sich, alle erzählen, wie sie …
P: Ja, sollen wir’s einfach versuchen?

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21. Dezember, Mutationen

Über „die Angst vor der Ausbreitung der in Großbritannien entdeckten neuen Corona-Variante“, www.tagesschau.de, 21. Dezember.

Wir sehen gebannt mit großen Kinder-Äuglein hinauf. Fürsorglich vermittelt man uns das, was man unserem kleinen Verstand gerade zutraut, etwas wie der Erwachsene reagiert. Ist er besorgt? Alarmiert? Hat wer Verständnis? Wer zeigt sich wie? Entsprechend ernst wird es wohl sein.

„Drosten zeigt sich ‚nicht sehr besorgt‘“
„Alarmierter hatte sich gestern SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach gezeigt. Im ‚Bild‘-Talk warnte er …“
„Für diese Maßnahme (in England) zeigte Drosten angesichts der ‚äußerst erhitzten Nachrichtenlage‘ Verständnis.“
„Im Hinblick auf die Wirksamkeit der Impfung sagte Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel, er sehe derzeit keinen Grund für Alarm.“


Gerade so viel verstehen wir noch: Das Virus ist mutiert. Die Wörter Alarm, Alarm, Alarm, also auch wenn kein Alarm ist, und „die Angst“.

Wer hätte das gedacht, früher, als die Lehrerin gesagt hat, dass solche Viren älter sind als die Menschheit und andauernd mutieren? Wer hätte da gedacht, dass das zwanzig Jahre später in die Schlagzeilen kommt, was unsere Lehrerin früher gesagt hat? Corona-, Rhino-, Adeno-, über 200 verschiedene Viren, die eine Erkältung verursachen können, dazu Influenza mit der Grippe. Noch nie sind sie nicht mutiert. Ist es nicht auch im Frühling schon mal offiziell mutiert? Nein, keine Verschwörungstheorie! So ändern sich die Zeiten, eben noch so, dass von woher ein „neuartiges“ Corona-Virus mutiert ist, und jetzt klingt‘s schon absurd. Jetzt sei es zu allem Übel auch noch mutiert. Wodarg sagt sogar, dass es über den Sommer schon hundert Mutationen gegeben haben muss, wie normalerweise immer.

„Lauterbach: Britische Corona-Mutation wäre momentan ‚Katastrophe‘ für Deutschland“, „Wenn es jetzt käme, wo wir mitten in der zweiten Welle sind, wo wir so hohe Fallzahlen haben, wäre das eine Katastrophe“, sagt Lauterbach, „er hoffe aber, dass die Variante jetzt noch nicht in Deutschland angekommen sei. ‚Dann müssen wir kämpfen, dass das möglichst lange so bleibt.‘ Dies sei ‚ein weiterer Grund, warum wir den harten Lockdown rigoros durchführen müssen‘, bis die Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen deutlich unter 50 oder besser unter 25 lägen. Dann könne man, ‚selbst wenn die neue Mutation da ist, jedes neue Cluster sofort entdecken und beenden und kommt wieder vor die Welle‘.“ sueddeutsche.de.

21. Dezember, Hamsterkäufe

Nachts um 1.03 Uhr:
„Zulassungsprozess in der EU. Kein Impfstoff unterm Weihnachtsbaum“ Aber „Die EU wollte bewusst keine Notzulassung … Denn bei Notzulassungen haftet der jeweilige Staat bei Problemen“ - Bei Problemen? Worte der sogenannten Impf-Gegner aus dem Munde der Tagesschau? Nun gut, denn bei Problemen ist sie ja trotzdem ausgesprochen für die - was vor kurzem noch verboten war - um Jahre verkürzten Testphasen - „bei einer solchen bedingten Marktzulassung liegt diese Haftung grundsätzlich beim Hersteller.“
„Zwei Milliarden Impfdosen hat sich die EU insgesamt bereits gehamstert.“ - nein, gesichert, dort steht, „gesichert“, www.tagesschau.de.
„‚Zu diesem Zeitpunkt gibt es keinen Beweis für die Annahme, dass der Impfstoff nicht gegen die neue Variante wirken könnte‘“ - Aber dass sie wirkt? Ich meine, ungetestete Impfungen an Millionen Menschen ausprobieren, auf dass sie wirken könnten?

„Als erstes sind Menschen ab 80 Jahren sowie Bewohner und Mitarbeiter von Pflegeheimen an der Reihe. Zweite Priorität haben Demenzkranke, sowie Menschen mit Trisomie 21 und Transplantationspatienten sowie Menschen in Asyl- oder Obdachlosenunterkünften.“ - Risiko-Gruppen, die uns irgendwo schonmal begegnet sind. „Zur dritten Gruppe gehören alle ab 60, weitere Risikopatienten sowie Mitarbeiter von Polizei, Feuerwehr und anderen Behörden, Beschäftigte im Lebensmitteleinzelhandel und Saisonarbeiter.“ - es scheint eine gewisse Relation zwischen Impf-Priorität und Stundenlohn zu geben? Diese Gruppen hatten noch nie Priorität in etwas, www.tagesschau.de.

Aber kein Grund für Misstrauen:
„Künftiger US-Präsident Biden. Impfung vor laufender Kamera“, vorbildlich maskiert, www.tagesschau.de.

Biden nach! Gegen Trump!
„Lässt sich eine Impfung einklagen?“ Meldungsarchiv, www.tagesschau.de, wie gut, dass die Presse uns auf die Idee gebracht hat! Wem wäre das eingefallen?

22. Dezember,

„Mediziner gehen davon aus, dass die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten bis in den Januar weiter steigen wird. Sie fordern jetzt eine gesetzliche Regelung für eine Triage-Situation, in der Ärzte entscheiden müssen, wem sie zuerst helfen.“ Dass nicht der Arzt, sondern die Regierung entscheiden soll? www.tagesschau.de

23. Dezember
„In Hab-Acht-Stellung unterm Weihnachtsbaum“, „Die Truppe hat extra wegen der anstehenden Impfungen die Einsatzbereitschaft tausender Bundeswehr-Angehöriger erhöht …Vom Bundeswehr-Arzt, der das Aufklärungsgespräch führt oder die Spritze setzt - bis hin zum Helfer im Tarnfleck, der organisatorisch für einen möglichst reibungslosen Ablauf der Massenimpfungen sorgt.“ - Aber wer rechnet denn mit Reibungen? Nicht etwa Unfreiwilligen? Zumindest geht die Regierung offenbar davon aus, dass nicht alle Schützlinge den Schutz so ganz wollen:
„Denkbar ist demnach durchaus, dass die Wirkstoffe in Kasernen eingelagert werden“, „Zum anderen gibt es die Befürchtung, dass der Impfstoff sowohl Kriminelle als auch Corona-Leugner auf den Plan rufen könnte. Welche Standorte theoretisch in Frage kommen, darüber hüllt sich die Truppe daher vorsichtshalber in Schweigen. Der Vorteil: Bewachte Bundeswehr-Liegenschaften dürften als Lagerstätte deutlich sicherer sein als etwa herkömmliche Sporthallen.“ „Noch nie zuvor in ihrer Geschichte war die Bundeswehr an der sogenannten ‚Heimatfront‘ so eingebunden wie in diesem Corona-Jahr: Insgesamt hat sie 20.000 Soldatinnen und Soldaten mobilisiert, um zivilen Stellen bei der Bekämpfung der Pandemie beizuspringen.“ www.tagesschau.de

Und nun? Freiwillige vor! Folgt Biden!
Auf der Intensivstation liegen Listen aus. Überraschenderweise haben sich ein paar Schwestern eingetragen, aber, es sieht so aus, dass es noch einiges an Nachhilfe bedarf, ums harmlos auszudrücken. Eine hat sich eingetragen, damit sie wieder ungehindert reisen kann!

23. Dezember, Zensur-Wettstreit

„Moskau verschärft Kurs gegen soziale Medien “, www.tagesschau.de.
Putin gegen freie Meinungsäußerung - oh, ach so, nein anders: „Aus Ärger über die Sperrung von Inhalten russischer Staatssender hat das Parlament in Moskau nun ‚Zensur‘ bei YouTube, Twitter, Facebook und anderen Netzwerken verboten.“ Russland hat Zensur verboten! Aber das soll uns schon viel weniger interessant erscheinen, wenn gleich darauf berichtet wird, dass ja Russland ebenfalls Beiträge zensiert: „Kritiker befürchten Zunahme gesperrter Seiten. Kritiker befürchten, dass mit dem neuen Gesetz gegen die ‚Diskriminierung‘ russischer Positionen die Anzahl der gesperrten Seiten noch deutlich zunehmen wird.“ - eine Art Wett-Rüsten im Zensieren. Wer zuerst zensiert, oder schneller, oder mehr, der verhindert, dass der andere mehr zensiert. Erstaunlicherweise darf die Tagesschau überhaupt nennen, dass zensiert wird. Vor Längerem, weit vor Corona, sind immer mal Videos von Professoren verschwunden - ob, weil sie kritisch gegen die Klima-Wandel-Modellrechnungen waren, oder gesagt haben „Klimaschutz ist nicht Umweltschutz“, oder ob sie aus Sicht der Qualitätssender zu trockene Infos hatten, nicht so sensationell mit Effekten und Gedonner, dass es vor komplizierter Sprödigkeit dem Zuschauer nach der Arbeit auf der Couch nicht zugemutet werden kann - wer weiß. Einmal fragte ich an einem gelöschten Video im Facebook: Nanu, wo ist es denn hin? Warum löscht man denn so etwas? Ein entfernter Bekannter, gleich aufmerksam: Klingt so, als wolltest du damit sagen, dass höhere Mächte sich verschwören, um dir wichtige Infos vorzuenthalten. - Höhere Mächte? Ich wusste zunächst nicht: Meint er Zeus, Loki, Außerirdische?

Aber so mächtig ist die Amadeu-Antonio-Stiftung nun auch wieder nicht, wie da so einer, ein Student(?) im ARD mit Labtop ganz weltlich auf irgendeiner Steinkante saß und zeigte, wie er als Fakten-checker fleißig am Löschen ist, damit nicht Falsches oder Irrtümer „verbreitet werden“. Da hat der Zuschauer begriffen, dass wir in einer modernen Zeit der absoluten Wahrheit leben. Dass auch Professoren sich nie irren. Den Grund für die Löschung erfährt man leider nie, nicht so, dass diskutiert werden kann, wenn ein Wissenschaftler dem anderen widerspricht.

Momentan noch abrufbar: Clemens Arvay, kritisch gegen die verkürzten Test-phasen der Impfung. Scheint so, dass er auch nicht weiß, warum seine vorherige Kritik gelöscht worden ist, denn was er vorträgt, ist immerhin in wissenschaftlichen Fachblättern vertreten, belegt er ausführlich in Fußnoten: Clemens Arvay im YouTube, 9. November.

Wir sind etwas abgeschweift, zurück zum Thema: Russland zensiert Kritiker!

25. Dezember, Impfungen für alle!

„Papst bittet um Impfungen für alle“, „‚Ich bitte alle Verantwortlichen in der Politik, in Unternehmen, in internationalen Organisationen, die Zusammenarbeit statt Konkurrenz zu fördern. Und eine Lösung für alle zu finden - Impfungen für alle.‘“ www.tagesschau.de
„Ein Gott, ein Glaube, eine Impfung“, Verzeihung „Taufe!“
Wobei die Taufe als Immunisierung gegen das Böse nie so richtig gewirkt hat, es wollte trotz Taufe Gott nicht in jedem präsent sein, auch trotz Zusatz-Impfung Eucharistie blieb da Böses im Menschen. Insofern, als die Eucharistie wegen Corona gerade verhindert wird, die Corona-Impfung eine neue Hoffnung auf Immunisierung gegen böses Eindringen wäre. Vorausgesetzt die Christianisierung, Verzeihung, die Zusammenarbeit sämtlicher Institutionen für eine Lösung, die Taufe, Verzeihung die Impfung für alle, wird konsequent durchgesetzt (überlegt Christoph vor sich hin).

26. Dezember
„Am Samstagnachmittag hat nach Informationen von MDR SACHSEN-ANHALT eine 101-Jährige als erste Person in Deutschland den Impfstoff des Unternehmens Biontech/Pfizer erhalten“, direkt gefilmt und dokumentiert von der Presse vor Ort, ausgestrahlt in jedes Wohnzimmer. In großer Eile! Im Landkreis Harz, einen Tag vor dem Rest Deutschlands: „‚Wir wollen diesen einen Tag, den der Impfstoff an Haltbarkeit dann verliert, nicht verschwenden. Wir wollen ihn gleich ausbringen.‘ Karsten Fischer, Pandemiestab Landkreis Harz“, „Für uns zählt jeder Tag.“, sagt auch der Technische Leiter des Impfzentrums, www.mdr.de.

„Im nordrhein-westfälischen Siegen erhielt eine 95-Jährige in einer Senioren- und Pflegeeinrichtung als erste die Spritze verabreicht.“ „Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann bezeichnete den Beginn der Corona-Impfungen als ‚großes Weihnachtsgeschenk an die Bevölkerung‘.“ „Mannschaftswagen der Polizei waren vor der Einrichtung platziert.“ Nachdem die Angehörigen der Heimbewohner kaum zu Besuch kommen durften und von viel Einsamkeit zu hören war, kommt Laumann samt Presse direkt ins Heim, „wollte am Nachmittag bei der ersten Impfung einer Bewohnerin im St. Josef-Stift dabei sein.“ www.tagesschau.de, 27. Dez.

27. Dezember, Gemeinsam

„Österreich vor dem Mega-Pieks“, Der Standart, 29. Nov. 2020.

Und nun auch wir!

Impfstart in Europa Gemeinsam gegen das Virus, www.tagesschau.de.

Auch in anderen europäischen Ländern ist gegen das Coronavirus geimpft worden. In Italien war eine Krankenschwester die erste Geimpfte, andernorts Ärzte, Risikopatienten oder sogar der Regierungschef. Ein Überblick.
Nicht nur in Deutschland, auch in vielen europäischen Ländern sind die ersten Menschen gegen das Sars-CoV-2-Virus geimpft worden. „Wir können 2021 mit Optimismus beginnen, es gibt Licht am Ende des Tunnels“, sagte EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete den gemeinsamen Impfbeginn als „berührenden Moment der Einigkeit“ und als europäische „Erfolgsgeschichte“.

Italien
In dem europaweit von der Pandemie am schwersten betroffenen Italien erhielten drei Mitarbeiter des Gesundheitswesens im Spallanzani-Krankenhaus in Rom den von Biontech entwickelten Impfstoff.
„Heute bin ich als Bürgerin hier, aber vor allem als Krankenschwester, um meinen Berufsstand und alle Angestellten im Gesundheitssektor zu vertreten, die an die Wissenschaft glauben“, sagte die 29-jährige Krankenschwester Claudia Alivernini, die als erste geimpft wurde. Im Rom wurde medizinisches Personal eines großen Krankenhauses zuerst geimpft.
Dänemark
Im nördlichsten deutschen Nachbarland Dänemark erhielt der 79-jährige Leif Hasselberg in Odense als erster die Impfung. Regierungschefin Mette Frederiksen sagte, es gebe nun ein „Licht am Ende des Tunnels nach dem schwierigsten Jahr seit dem Zweiten Weltkrieg“. Sichtlich gerührt von den Impfungen sprach sie vor Reportern von einem „großen Wendepunkt für die ganze Welt“.
Slowakei
Die erste Impfung in der Slowakei erhielt bereits am Samstag der Infektionsspezialist Vladimir Krcmery in Nitra, 75 Kilometer östlich von Bratislava. „Es ist eine große Ehre für mich. Vielen Dank“, sagte der 60-Jährige. Weitere Impfdosen sind auf Krankenhäuser in Kosice, Banska Bystrica und Bratislava verteilt worden.
Eine medizinische Fachangestellte setzt bei einem Probedurchlauf im Impfzentrum Bamberg bei einer Dame die Kanüle zur Impfung an.

28.12.2020
Kampf gegen Corona. Wer, wann und wo - alles zum Impfen
Die wichtigsten Fragen und Antworten, wie die Impfungen organisiert werden.

Ungarn
Auch in Ungarn begann die Impfkampagne einen Tag früher: Als Erste bekam Oberärztin Adrienne Kertesz die Impfung. Sie habe lange auf diesen Augenblick gewartet, sagte sie dem staatlichen Fernsehsender M1. Die Impfung ermögliche es ihr nun, in Sicherheit weiterzuarbeiten. Als Leiterin der Abteilung für Infektionskontrolle hat sie hauptsächlich mit Covid-19-Patienten zu tun.

Frankreich
Im Pariser Vorort Seine-Saint-Denis applaudierten die Mitarbeiter eines Krankenhauses einer 78-Jährigen, die sich als erste die Spritze geben ließ. „Ich bin bewegt“, sagte die pensionierte Haushälterin. Im von sozialen Problemen geprägten Seine-Saint-Denis liegen die Infektionszahlen mit dem Coronavirus besonders hoch.
Das Personal eines Krankenhauses applaudiert, nachdem die 78-jährige Mauricette als erste Frau in Frankreich geimpft wurde.
In Frankreich wurde eine 78-jährige Risikopatientin als erste geimpft.

Tschechien
In Tschechien ließ sich zuerst öffentlichkeitswirksam der populistische Ministerpräsident Andrej Babis impfen. Zur Begründung erklärte er, er habe im Fernsehen eine Frau gesehen, die gesagt habe, sie wolle mit der Impfung „auf Babis warten“. Es gebe nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste, so Babis weiter.
Der tschechische Ministerpräsident Andrej Babis wird gegen Covid-19 geimpft | AFP
Der tschechische Ministerpräsident Babis sieht sich als Vorbild. Bild: AFP

Polen
Alicja Jakubowska, Chefkrankenschwester in einem Warschauer Klinikum, war die erste Polin, die geimpft wurde. „Dies ist ein historischer Moment für mich. Die Krankenhausleitung hat mich ausgesucht. Eine Krankenschwester ist die erste, die geimpft wird, eine Anerkennung für die hart arbeitenden Krankenschwestern und Hebammen“, sagte sie.

Kroatien
„Ich bin glücklich, dass ich jetzt meine Urenkel sehen kann“, sagte Branka Anicic, eine Bewohnerin eines Pflegeheims in Zagreb und die erste Person, die in Kroatien eine Spritze bekam. Es fühle sich gut an, erste in ihrem Land zu sein. Andere sollten ihrem Beispiel folgen.

Rumänien
In Rumänien war eine Krankenschwester im Bukarester Forschungsinstitut Matei Bals die erste Geimpfte: „Es hat überhaupt nicht weh getan“, sagte sie. „Öffnen Sie Ihre Augen und lassen Sie sich impfen.“
Eine rumänische Krankenschwester bekommt die erste Corona-Impfung des Landes in Bukarest
Die in Rumänien als erste geimpfte Krankenschwester rief dazu auf, es ihr gleichzutun.

Spanien
„Ich bin stolz darauf, geimpft zu werden“, erklärte Mónica Tapias. Die 48-jährige Angestellte des Pflegeheims Los Olmos in Guadalajara wurde zusammen mit der 96-jährige Bewohnerin Araceli Hidalg als erste Spanierinnen geimpft. „Lasst uns sehen, ob wir uns alle zusammenreißen und das Virus verschwinden lassen können“, fügte sie hinzu.

Österreich In Österreich wurden fünf Risikopatienten über 80 an der Medizinischen Universität Wien als erste geimpft. Die drei Frauen und zwei Männer erhielten die Injektion in Anwesenheit von Bundeskanzler Sebastian Kurz und Gesundheitsminister Rudolf Anschober.
Der Impfstart in Österreich fand an der Wiener Universitätsklinik statt. Bild: dpa

Insgesamt sind in den 27 EU-Ländern mindestens 16 Millionen Corona-Infektionen und mehr als 336.000 Todesfälle verzeichnet worden. Neben Italien hatte beispielsweise auch Spanien zu Beginn dieses Jahres so hohe Zahlen, dass beide im weltweiten Vergleich als sogenannte Hotspots galten. Anderen EU-Ländern wie Tschechien blieb zunächst Schlimmeres erspart, im Herbst stand dort dann aber die Gesundheitsversorgung knapp vor dem Zusammenbruch.

29. Dezember, „Das wissen wir noch nicht.“

Unendlich viel Geld für Impfungen, keins für Krankhäuser?

„Kliniken können bald Gehälter nicht mehr zahlen.“ „Zwei Drittel aller Klinikbetreiber rechnen im Gesamtjahr 2020 mit Verlusten, wie aus dem aktuellen Krankenhaus-Barometer des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) hervorgeht, das dem Berliner ‚Tagesspiegel‘ vorliegt. Lediglich 18 Prozent der knapp 2000 Kliniken mit 1,3 Millionen Mitarbeitern beurteilen ihre aktuelle wirtschaftliche Lage als gut.“ www.tagesschau.de

31. Dezember
„Diskussion über Impfstoffknappheit. Könnte die zweite Dosis verschoben werden?“, „‚Wenn der Effekt der ersten Impfung mit der Zeit nicht schnell abnimmt, dann könnte die zweite Impfung auch noch später stattfinden, zum Beispiel erst nach sechs Monaten. Das wissen wir noch nicht. Bei anderen Impfstoffen wird das auch so gemacht.‘“ www.tagesschau.de. Sie wissen noch nicht, ob die Impfung ein paar Wochen lang wirkt? Wie kurz nochmal waren die verkürzten Testphasen? Man wird doch vorher wenigstens für ein paar Wochen die Impfung getestet haben, nicht?

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31. Dezember, Der Weg ist geebnet

Sonderrechte für Geimpfte erstmal nein, aber obwohl:
„Der für den CDU-Vorsitz kandidierende Ex-Unionsfraktionschef Friedrich Merz will Corona-Geimpften hingegen mehr Freiheitsrechte einräumen.“

„Grundrechte sind Individualrechte, aber keine kollektiven Rechte, die der Staat bei Bedarf allen entzieht und nur allen gleichzeitig zurückgewährt, wenn es die Lage wieder erlaubt... Man kann deshalb einer immer größer werdenden Bevölkerungsgruppe von Geimpften, Gesunden und Genesenen nicht pauschal die Grundrechte vorenthalten, weil eine immer kleinere Gruppe nach wie vor durch das Virus gefährdet ist.“

Heißt, wir machen einmal Kopfstand und drehen das Bisherige komplett herum:
Bisher galt: Lockdowns, Pleiten, Kontaktverbote der gesamten Bevölkerung, der Risikogruppen zuliebe, Krankenhäuser entlasten.
Jetzt andersherum: Wegen einer kleineren Gruppe von nicht Geimpften kann doch nicht die Mehrheit Lockdown, Pleiten und Kontaktverbote hinnehmen.
Sogenannte Impfgegner und Leugner plötzlich für Lockdowns? Gibt es das überhaupt? Sicher nicht, insofern klingt‘s vielversprechend, alles spricht für die Aufhebung der Maßnahmen, ob Impfung oder nicht.
Aber jetzt zeigt sich, wie gut der Weg geebnet wurde: Kollektiver Individualrechte-Entzug zum Schutz einer kleineren Gruppe, erst weil die kleinere Gruppe unfreiwillig in Gefahr war und nichts dafür konnte, aber jetzt obwohl eine kleinere Gruppe freiwillig die Gefahr hinnehmen will, bzw. für gesunde Menschen statistisch kaum eine nennenswerte Gefahr besteht.

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